
Risiken: Konflikt, Kosten, Konsequenzen. Die neue Realität für Anleger
Eine erneute Eskalation im Konflikt zwischen den USA/Israel und dem Iran stellt derzeit das größte Marktrisiko für Anleger dar. Im Kern handelt es sich weniger um eine rein militärische Auseinandersetzung, sondern vielmehr um einen wirtschaftlichen Machtkonflikt. Beide Seiten nutzen strategisch wichtige Handelsrouten – insbesondere die Straße von Hormus – als Druckmittel.
Störungen in der Öl- und Gasversorgung sind bereits spürbar und bergen erhebliche Risiken: steigende Inflation, zunehmender Druck auf Unternehmensmargen und potenzielle Engpässe bei Energie und Kraftstoffen.
Ohne dauerhafte Einigung droht weiterer Inflationsdruck
Zentralbanken stehen vor der Herausforderung, die möglichen Folgen des jüngsten Energieschocks abzuschätzen – vor dem Hintergrund bereits erhöhter Inflationsraten in den USA und Europa.
Wir erwarten derzeit:
- Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) im Juni und Juli
- eine abwartende Haltung der US-Notenbank (Fed)
- mögliche Zinssenkungen in den USA erst gegen Ende 2026
Sollte jedoch keine Einigung zwischen den USA und dem Iran erzielt werden oder der Konflikt erneut eskalieren, könnten die Energiepreise länger hoch bleiben – mit der Folge eines zusätzlichen, unerwartet starken Inflationsanstiegs und weiterer Zinsanhebungen.
Zweitrundeneffekte als unterschätzte Gefahr
Besonders kritisch sind mögliche Zweitrundeneffekte steigender Energiepreise. Höhere Ölpreise könnten zu steigenden Lohnforderungen führen und eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen.
Die Folgen wären vielschichtig:
- schwächeres Vertrauen bei Unternehmen und Verbrauchern
- geringeres Wirtschaftswachstum
- weiter steigende Inflation
In einem solchen Szenario müssten die Zentralbanken entschlossener reagieren:
- Die EZB könnte stärker und schneller die Zinsen anheben
- Die Fed könnte gezwungen sein, Zinserhöhungen statt -senkungen vorzunehmen
Das wäre belastend für Wachstum und Finanzmärkte: Aktienmärkte kämen unter Druck, während Anleiherenditen steigen würden. Wenige Anlageklassen würden sich als sicherer Hafen eignen, wodurch Diversifikation schwieriger würde.
KI: Hohe Erwartungen – reale Risiken
Künstliche Intelligenz bleibt ein zentrales Investmentthema. Unternehmen investieren massiv, um Produktivitätsgewinne und Kostenvorteile zu erzielen. Gleichzeitig sind die Erwartungen hoch – möglicherweise zu hoch.
Das Tempo der KI-Einführung könnte hinter den Erwartungen zurückbleiben – etwa durch verschobene Investitionen oder Verzögerungen beim Ausbau von Rechenzentren. Sollte sich die Einführung von KI verlangsamen, würde es länger dauern, bis sich die hohen Investitionen auszahlen. In der Folge könnten Investoren die aktuell hohen Bewertungen vieler KI-Unternehmen zunehmend hinterfragen.
Zudem ist KI ein struktureller Umbruch: Während einige Unternehmen profitieren, geraten andere – etwa in der Software- oder Finanzbranche – unter Anpassungsdruck.
“Der Verlauf eines Konflikts wie aktuell am Persischen Golf entzieht sich verlässlichen Prognosen. Gerade deshalb gilt es, Komplexität zu meistern und Klarheit über die entscheidenden Trends zu schaffen.”
Roel Barnhoorn, Leiter globale Rentenstrategie
Staatsverschuldung bleibt strukturelles Risiko
Ein weiteres zentrales Risiko liegt in der steigenden Staatsverschuldung. In Europa finanzieren Regierungen umfangreiche Investitionsprogramme zunehmend über Kredite. Dies führt zu steigenden Renditen langfristiger Staatsanleihen.
In den USA hat die Staatsverschuldung mittlerweile 39 Billionen US-Dollar überschritten. Zudem wird erwartet, dass das ohnehin schon hohe US-Haushaltsdefizit weiter ansteigt, was zum Teil auf den Krieg mit dem Iran zurückzuführen ist. Infolgedessen ist die Zinslast der US-Regierung enorm. Ein Zinssenkungszyklus der Fed, mit dessen Beginn wir derzeit gegen Ende dieses Jahres rechnen, könnte eine gewisse Entlastung bringen. Im oben skizzierten negativeren Szenario müsste die Fed jedoch möglicherweise stattdessen die Zinsen anheben – was das US-Schuldenproblem noch dringlicher machen würde.
Investoren müssen daher auch künftig mit ungewohnt hohen Schwankungen bei Anleihepreisen rechnen. Vor diesem Hintergrund bevorzugen wir aktuell den Bereich der Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen. Solide Unternehmensbilanzen bieten hier eine stabile Grundlage.
Flexible Positionierung bleibt entscheidend
Der Verlauf eines Konflikts wie aktuell am Persischen Golf entzieht sich verlässlichen Prognosen. Gerade deshalb gilt es, Komplexität zu meistern und Klarheit über die entscheidenden Trends zu schaffen.
Bei aller Dynamik der täglichen Nachrichtenlage sollten Anleger den Blick auf die starke Gewinnentwicklung vieler Unternehmen nicht verlieren. Diese ergibt sich aus übergeordneten, langfristigen Trends, die wir in unserem Halbjahresausblick herausarbeiten. Das spricht weiterhin für ein Umfeld, das Aktien und Unternehmensanleihen strukturell begünstigt.
Zugleich verändert die neue geopolitische Weltlage das Inflationsbild nachhaltig. Wiederkehrende Inflationsschübe bleiben ein zentrales Risiko. Anleger sollten darauf reagieren und reale Vermögenswerte stärker gewichten. Dazu zählen erneut Aktien sowie Rohstoffe wie Gold.
Roel Barnhoorn, Leiter globale Rentenstrategie


