
Perspektiven: „Komplexität meistern, Klarheit schaffen“
Geopolitische Spannungen haben die Finanzmärkte in den vergangenen Monaten spürbar geprägt. Insbesondere der Krieg im Nahen Osten hat nicht nur großes menschliches Leid verursacht, sondern weltweit Unsicherheit geschürt – mit direkten Auswirkungen auf das Marktumfeld. Aktienkurse zeigten sich volatil, Anleihemärkte standen unter Druck, die Renditen zogen an und auch die Ölpreise schwankten deutlich und tendierten seit Ausbruch des Konflikts nach oben.
Trotz dieses herausfordernden Umfelds bleiben die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Perspektiven vieler Unternehmen insgesamt konstruktiv. Für langfristig orientierte Anleger ergibt sich daraus ein Bild, das Raum für vorsichtigen Optimismus lässt – insbesondere mit Blick auf die zweite Jahreshälfte.
Unser Halbjahresausblick entsteht somit in einem Spannungsfeld aus geopolitischen Risiken und gleichzeitig soliden fundamentalen Aussichten.
Investieren mit Blick nach vorne
Trotz der geopolitischen Verwerfungen haben sich viele Aktienmärkte rasch von dem Einbruch erholt, der auf den Ausbruch des Konflikts folgte. Der S&P 500 sowie der Nasdaq konnten sogar neue Höchststände erreichen. Vor diesem Hintergrund erscheint es nachvollziehbar, dass sich viele Anleger fragen, wie diese positive Marktstimmung mit der weiterhin fragilen geopolitischen Lage vereinbar ist.
Tatsächlich ist diese scheinbare Ambivalenz nichts Ungewöhnliches. Finanzmärkte blicken naturgemäß nach vorn und spiegeln weniger die aktuelle Lage als vielmehr die Erwartungen für die kommenden Monate wider. Unser Ausblick auf das zweite Halbjahr 2026 folgt demselben Prinzip.
Jede Anlageentscheidung basiert auf Annahmen – insbesondere auf wirtschaftlichen Szenarien. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Entwicklung der Ölpreise. Seit Beginn des Konflikts sind diese deutlich gestiegen, vor allem aufgrund von Sorgen über mögliche Lieferunterbrechungen. Die Straße von Hormus bleibt dabei ein kritischer Engpass, ebenso wie potenzielle Schäden an der Energieinfrastruktur in der Golfregion.
Steigende Ölpreise wirken inflationsfördernd. Vor diesem Hintergrund haben wir bereits Ende März unsere Inflationserwartungen nach oben angepasst und unsere Wachstumsprognosen moderat nach unten revidiert.
Positive Wirtschafts- und Unternehmensaussichten
Wir gehen weiterhin davon aus, dass der Energiepreisschock primär inflationsseitige Auswirkungen entfalten wird, während die Wachstumsdynamik weitgehend intakt bleibt. In unserem Basisszenario unterstellen wir ein anhaltend solides globales Wirtschaftswachstum.
Die konjunkturellen Impulse sind dabei breit abgestützt: In Europa wirken insbesondere fiskalische Maßnahmen unterstützend. Staatliche Investitionsprogramme in Infrastruktur und Verteidigung stärken die Binnenkonjunktur.
In den USA bleibt die wirtschaftliche Dynamik ebenfalls robust. Treiber sind vor allem umfangreiche Investitionen in Zukunftstechnologien, insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz. Darüber hinaus könnten im Vorfeld der Kongresswahlen im November zusätzliche fiskalische Impulse gesetzt werden, um die wirtschaftliche Entwicklung zu stabilisieren und politische Risiken abzufedern.
Auch in den Schwellenländern zeigt sich ein konstruktives Bild. Exportorientierte Volkswirtschaften – insbesondere im Technologiesektor – profitieren von der anhaltend hohen globalen Nachfrage nach Halbleitern und elektronischen Komponenten. Dies sorgt für eine stabile Wachstumsbasis und unterstützt die externe Nachfrage.
Auf Unternehmensebene bleibt die Ausgangslage günstig. Die Gewinnmargen befinden sich insbesondere in den USA auf historisch hohen Niveaus. Für die kommenden zwölf Monate erwarten wir in den wesentlichen Wirtschaftsregionen ein zweistelliges Gewinnwachstum, getragen von resilienter Nachfrage und hoher Preissetzungsmacht.
Das gesamtwirtschaftliche Umfeld bleibt aus unserer Sicht unterstützend für risikobehaftete Anlagen. Gleichwohl hat die geopolitische Unsicherheit zugenommen und die Prognosesicherheit reduziert. Vor diesem Hintergrund verfolgen wir einen ausgewogenen Investmentansatz, der attraktive Wachstumschancen nutzt und gleichzeitig die erhöhten Risiken in der Portfolioallokation berücksichtigt.
“Verlauf eines Konflikts wie aktuell am Persischen Golf entzieht sich verlässlichen Prognosen. Gerade deshalb gilt es, Komplexität zu meistern und Klarheit über die entscheidenden Trends zu schaffen.”
Johanna Handte, Chief Investment Officer
Welche Chancen gibt es?
Nach der ausgeprägten Marktrally im April haben wir unsere Aktienquote auf eine neutrale Position zurückgeführt. Angesichts der weiterhin erhöhten Unsicherheiten warten wir auf klarere Signale, bevor wir unsere Einschätzung für Aktien erneut anheben.
Innerhalb der Aktienmärkte setzen wir weiterhin regionale Schwerpunkte. Wir bevorzugen Schwellenländer gegenüber Industrieländern, gestützt durch eine robuste Exportdynamik und strukturelles Wachstumspotenzial. Innerhalb der Industrieländer sehen wir US-Aktien relativ zu europäischen Märkten im Vorteil, insbesondere aufgrund der stärkeren Innovationsdynamik und resilienteren Gewinnentwicklung.
Auf Sektorebene liegt unser Fokus auf zyklischen und wachstumsorientierten Bereichen. Der Industriesektor profitiert von umfangreichen staatlichen Investitionsprogrammen in Infrastruktur und Verteidigung. Zusätzlich haben wir den IT-Sektor Ende April erneut übergewichtet, da insbesondere das Halbleitersegment weiterhin stark vom strukturellen Wachstumstrend rund um Künstliche Intelligenz getragen wird.
Anleihen bewerten wir aktuell neutral. Der jüngste Renditeanstieg hat die Attraktivität dieser Anlageklasse jedoch deutlich verbessert. Besonders im Segment qualitativ hochwertiger Anleihen sehen wir interessante Opportunitäten, da diese inzwischen wieder Renditen oberhalb von Sparkonten bieten.
Zur Diversifikation halten wir an einer strategischen Allokation in Gold fest. Anhaltende geopolitische Unsicherheiten sowie strukturelle Nachfragefaktoren sprechen aus unserer Sicht für eine längerfristige Unterstützung des Goldpreises.
Welche Risiken gibt es?
Das zentrale Risiko für unseren Ausblick bleibt eine erneute Eskalation des geopolitischen Konflikts zwischen den USA/Israel und dem Iran beziehungsweise ein Scheitern diplomatischer Lösungsansätze. Auch wenn immer wieder Anzeichen einer Entspannung erkennbar sind, kann ein Wiederaufflammen der Spannungen oder eine länger als erwartete Störung der Energieversorgung nicht ausgeschlossen werden.
Ein solches Szenario hätte vor allem inflationsseitige Konsequenzen. Steigende Energiepreise könnten die Teuerung weiter anheizen, insbesondere durch mögliche Zweitrundeneffekte. Eine persistenter höhere Inflation würde den Spielraum der Notenbanken einschränken und potenziell zu weiter steigenden Zinsen führen – ein Umfeld, das insbesondere für Anleihemärkte belastend wäre.
Neben geopolitischen Risiken rücken auch strukturelle Unsicherheiten im Technologiesektor zunehmend in den Fokus. Der rasche Fortschritt im Bereich Künstliche Intelligenz ist mit hohen Erwartungen verbunden, die sich als zu optimistisch erweisen könnten. Sollte sich die technologische Entwicklung verlangsamen oder die wirtschaftlichen Potenziale hinter den Prognosen zurückbleiben, besteht das Risiko, dass die derzeit umfangreichen Investitionen nicht die erwarteten Renditen erzielen.
Komplexität meistern, Klarheit schaffen
Die weitere Entwicklung der geopolitischen Spannungen bleibt schwer vorhersehbar. Ob und in welchem Ausmaß sich die bestehenden Konflikte in den kommenden Monaten entschärfen, entzieht sich belastbaren Prognosen. Klarer ist hingegen das fundamentale Bild: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die Aussichten für Unternehmensgewinne präsentieren sich weiterhin grundsätzlich solide.
Vor diesem Hintergrund erachten wir einen ausgewogenen Investmentansatz als angemessen. Eine neutrale Allokation zwischen Aktien und Anleihen bietet aus unserer Sicht ein attraktives Verhältnis zwischen Chancen und Risiken. Ergänzend kann eine strategische Beimischung von Gold zur weiteren Diversifikation beitragen und das Portfolio gegenüber geopolitischen Unwägbarkeiten absichern.
In Summe sehen wir damit eine belastbare Grundlage für einen optimistischen Blick auf die zweite Jahreshälfte.
Johanna Handte, Chief Investment Officer


