Javascript is requiredImpulse: Stärke gewinnen durch strategische Investitionen

Impulse: Stärke gewinnen durch strategische Investitionen

Geopolitische Spannungen haben sich als dauerhafte Begleiterscheinung etabliert. In einer sich wandelnden Weltordnung hinterfragen Staaten zunehmend bestehende grenzüberschreitende Abhängigkeiten – insbesondere in den Bereichen Lieferketten, nationale Sicherheit, Energieversorgung und digitale Infrastruktur. Die Sicherung von Versorgungsketten im Rahmen multilateraler Strukturen prägt aktuell sowohl politische Prioritäten als auch Investitionsentscheidungen staatlicher und privatwirtschaftlicher Akteure. Von diesem Trend können auch europäische Unternehmen profitieren.

Weltmächte mit Fokus auf nationale Interessen

Unter der aktuellen US-Administration wird eine „America First“-ausgerichtete Industriepolitik konsequent fortgeführt. Selbst enge Verbündete sehen sich trotz langjähriger politischer Partnerschaften mit Handelszöllen auf Exporte in die USA konfrontiert, während NATO-Partner nicht mehr uneingeschränkt auf militärische Unterstützung durch die Vereinigten Staaten vertrauen können.

Auch die aufstrebende Weltmacht China verfolgt eine Strategie gezielter nationaler Stärkung in Schlüsselindustrien wie Elektrofahrzeugen, Solarmodulen und Künstlicher Intelligenz. Ziel ist es, die globale Dominanz von chinesischen Lieferketten weiter auszubauen und zugleich die eigene Verwundbarkeit gegenüber externen Abhängigkeiten zu reduzieren.

Europa zeigt sich strategisch verwundbar

Europa läuft Gefahr, im Spannungsfeld globaler Machtkonkurrenz zerrieben zu werden, und muss daher seine strategische Handlungsfähigkeit zurückgewinnen. Zwar bleibt der Kontinent ein wirtschaftliches Schwergewicht, doch treten drei zentrale Schwachstellen immer deutlicher zutage: mangelnde militärische Autonomie, unzureichend unabhängige Energieversorgung und eingeschränkter Zugriff auf kritische digitale Infrastrukturen.

Der seit 2022 andauernde Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, die Neuausrichtung der US-Zollpolitik unter Präsident Trump sowie die jüngsten Spannungen im Nahen Osten haben Europas strukturelle Schwächen und internationale Abhängigkeiten schonungslos offengelegt – insbesondere im Bereich der Energieversorgung. Zwar hat Europa seine Abhängigkeit von russischem Gas reduziert, gleichzeitig ist jedoch die Abhängigkeit von amerikanischem Flüssiggas (LNG) gestiegen. Trotz Fortschritten beim Ausbau erneuerbarer Energien bleibt der Kontinent anfällig für externe Versorgungsunterbrechungen.

Auch sicherheitspolitisch hat Russlands Angriffskrieg gravierende Defizite offenbart: Europa war auf einen militärischen Konflikt auf eigenem Boden unzureichend vorbereitet. Jahrzehntelang dominierte die Annahme, groß angelegte Kriege gehörten der Vergangenheit an, während die Verantwortung für Sicherheit faktisch an die Vereinigten Staaten ausgelagert wurde. In der Folge schrumpften nicht nur die Verteidigungshaushalte, sondern auch die militärischen Fähigkeiten und Munitionsbestände.

Ein drittes Feld ist weniger sichtbar, aber von ebenso entscheidender Bedeutung: die digitale Souveränität. Moderne Verteidigungssysteme, Finanzmärkte und staatliche Verwaltungsprozesse sind heute ohne Cloud-Technologien kaum funktionsfähig. Mit der fortschreitenden Digitalisierung wächst die Abhängigkeit von leistungsfähiger Cloud-Infrastruktur kontinuierlich. Dennoch werden zentrale Bereiche wie Cloud Computing, Datenspeicherung und künstliche Intelligenz von wenigen US-amerikanischen Technologiekonzernen dominiert. Hyperscaler wie Amazon, Microsoft und Google kontrollieren gemeinsam rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes.[1]

Europa bleibt also in denjenigen Bereichen von anderen Ländern abhängig, die für die wirtschaftliche Stabilität und Sicherheit immer relevanter werden.

Die europäische Reaktion als Chance für Investoren

Europa hat beschlossen, seine Verteidigung wieder stärker selbst zu übernehmen: Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine sind die Militärausgaben deutlich gestiegen, und 2025 verpflichteten sich die NATO-Verbündeten, künftig 5 % ihres BIP für Verteidigung aufzuwenden.

Diese höheren Budgets fließen zunächst in den Wiederaufbau stark geschrumpfter Bestände an Munition, Raketen und Luftabwehrsystemen. Unternehmen in diesen Bereichen dürften langfristig von der anhaltenden Nachfrage profitieren. Auch Hersteller von Militärflugzeugen, Hubschraubern und moderner Elektronik spielen eine zentrale Rolle für Europas Verteidigungsfähigkeit.

Gleichzeitig verlagert sich der Fokus der Ausgaben hin zu Fähigkeiten, die den Wandel moderner Kriegsführung widerspiegeln. Der verstärkte Einsatz von Drohnen treibt die Nachfrage nach unbemannten Systemen und deren Abwehr. Zudem sind moderne militärische Operationen zunehmend auf sichere Kommunikation, Sensorik, Elektronik und Cyberfähigkeiten angewiesen. Unternehmen in den Bereichen Kommando- und Kontrollsysteme, Kommunikation sowie elektronische Kriegsführung dürften daher besonders von steigenden Investitionen profitieren.

“Nicht die Abkehr von Globalisierung, sondern der bewusste Umgang mit Abhängigkeiten definiert Europas Zukunft – getragen von Investitionen in Schlüsselindustrien.”

Steffen Kunkel, Chief Investment Analyst

Energieunabhängigkeit als strategische Priorität

Für eine sichere Energieversorgung sind der Ausbau erneuerbarer Energien und zusätzlicher Speicherkapazitäten entscheidend, da im Inland erzeugter Strom die EU widerstandsfähiger gegenüber externen Schocks macht. Entsprechend soll der Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch bis 2030 auf 45 % steigen – von aktuell rund 25 %.[2] Auch die Kernenergie bleibt Teil der Debatte, insbesondere als stabile Quelle für die Grundlastversorgung.

Der Investitionsbedarf geht jedoch weit über Erzeugung und Speicherung hinaus. Europas Energieinfrastruktur konnte mit der wachsenden Nachfrage bislang nicht Schritt halten, insbesondere die Stromnetze stellen einen zentralen Engpass dar. Unternehmen in den Bereichen Netztechnik, Energiemanagement, Systemautomatisierung sowie Übertragungs- und Verbindungsleitungen dürften daher erheblich vom Ausbau und der Modernisierung der europäischen Strominfrastruktur profitieren.

Digitale Abhängigkeiten reduzieren, Infrastruktur stärken

In der Technologiebranche zeigt sich ein ähnliches Muster wie im Energiesektor: Zwar verfügt Europa über leistungsfähige Unternehmen – etwa SAP im Bereich Unternehmenssoftware und Cloud-Dienste oder Mistral im Bereich künstliche Intelligenz. Doch agieren sie nicht in der Größenordnung der US‑Hyperscaler, denen Kapitalstärke, globale Reichweite, umfassender Datenzugang und starke Netzwerkeffekte zugutekommen. Europas Strategie sollte daher weniger darauf abzielen, eigene Technologiegiganten nach diesem Vorbild aufzubauen, sondern vielmehr die mit dieser Abhängigkeit verbundenen Risiken zu begrenzen.

Gleichzeitig sind auch Anbieter von Cloud Computing und KI auf physische Infrastruktur angewiesen, die in Europa errichtet und betrieben werden muss. Mit wachsender Nutzung steigt der Bedarf an Rechenzentren, Stromversorgung, Netzanschlüssen, Kühlsystemen sowie Automatisierungs- und Netzwerktechnik. Der Ausbau von Cloud-Kapazitäten erfordert daher eine entsprechend leistungsfähige Infrastruktur – unabhängig davon, ob diese von europäischen Anbietern oder US‑Hyperscalern genutzt wird. Daraus ergeben sich substanzielle Investitionschancen für europäische Unternehmen in den Bereichen Rechenzentren, Energieversorgung, Kühlung, Konnektivität und digitale Infrastruktur.

Fazit: Investitionen auf dem Weg zu mehr Resilienz

Die geopolitischen Umbrüche machen eine Neubewertung strategischer Abhängigkeiten unumgänglich. Um den erforderlichen Wandel zu finanzieren, sind sowohl staatliche als auch private Investitionen gefragt. Europa steht dabei exemplarisch für grundlegende strategische Entscheidungen, die zunehmend das politische Handeln weltweit prägen.

Eine vollständige Abkopplung von globalen Lieferketten ist weder realistisch noch wünschenswert – ein gewisses Maß an Abhängigkeit wird bestehen bleiben. Doch da Verteidigung, Energie und Technologie immer stärker die wirtschaftliche Stabilität bestimmen, arbeitet Europa gezielt daran, seine Verwundbarkeit in diesen Schlüsselbereichen zu verringern. Dieser Wandel führt zu verstärkten Investitionen in Infrastruktur und industrielle Kapazitäten, um die Resilienz zu erhöhen und langfristig eigenständiger agieren zu können.

Steffen Kunkel, Chief Investment Analyst

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