
Gold: Volatil, aber strukturell unterstützt
Gold ist unter hohen Schwankungen in das Jahr gestartet: Auf einen kräftigen Preisanstieg im Januar folgte eine ebenso deutliche Korrektur. Kurzfristig wird der Goldpreis vor allem durch die Zinsentwicklung geprägt sein. Die fundamentalen Treiber der vergangenen Jahre – Geopolitik, steigende Staatsverschuldung und eine anhaltend hohe Nachfrage seitens der Zentralbanken – bestehen fort. Bis zum Jahresende erwarten wir zunächst eine Konsolidierungsphase, die jedoch neue Chancen bietet.
Inflationsrisiken und steigende Zinsen als Belastungsfaktoren
Ein wesentlicher Einflussfaktor für den Goldpreis bleibt das unsichere globale Zinsumfeld. Die durch den Nahostkonflikt erhöhten Energiepreise könnten sowohl die Inflation anheizen als auch das Wirtschaftswachstum bremsen. In einem solchen Umfeld steigen tendenziell die Zinsen, während der US-Dollar an Stärke gewinnt, da er von Anlegern als sicherer Hafen gesucht wird.
Kurzfristig wirken beide Entwicklungen dämpfend auf den Goldpreis, da steigende Zinsen die Opportunitätskosten erhöhen und Gold keine laufenden Erträge abwirft.
Doch Vorsicht: auf längere Sicht kann dasselbe Umfeld positiv auf den Goldpreis wirken. Belastet eine erhöhte Inflation das Wirtschaftswachstum, reagieren Regierungen und Zentralbanken häufig mit stützenden Maßnahmen wie Zinssenkungen, einer Lockerung der finanziellen Rahmenbedingungen oder fiskalischen Impulsen. In einem solchen Umfeld gewinnt Gold erneut an Attraktivität.
Zentralbanken als stabiler Nachfrageanker
Zu Beginn des Iran-Konflikts veräußerte die türkische Zentralbank kurzfristig rund 60 Tonnen Gold im Wert von mehr als 8 Milliarden US-Dollar. Dies weckte Befürchtungen, andere Zentralbanken könnten diesem Beispiel folgen. Diese Erwartungen haben sich bislang jedoch nicht bestätigt – im Gegenteil: Viele Zentralbanken setzen ihre Goldkäufe fort.
Ziel ist es, die Abhängigkeit von einzelnen Währungen zu reduzieren und Währungsreserven breiter zu diversifizieren. Da Zentralbanken langfristig orientiert agieren, sind zwischenzeitliche Verkäufe in der Regel temporär und nicht struktureller Natur.
“Volatilität schafft Chancen: Rückgänge im Goldpreis bleiben Einstiegsmöglichkeiten.”
Jan Wirken, Senior Equity & Commodity Research & Advisory Expert
China stützt den Goldmarkt
Nach dem Preisrückgang Anfang 2026 haben viele Anleger ihre Goldpositionen reduziert. Insbesondere Privatanleger in Europa und den USA, die erfahrungsgemäß sensibel auf Veränderungen der Marktstimmung und steigende Zinsen reagieren, trennten sich in ihren Anlagedepots von Gold-ETFs.
Demgegenüber bleibt die Goldnachfrage in China robust. Neue regulatorische Rahmenbedingungen und Ansparprogramme fördern gezielt Investitionen in Gold durch private und institutionelle Anleger. In der Folge notieren die Goldpreise in China häufig über dem globalen Niveau. Der wachsende Handel an der chinesischen Goldbörse sowie erleichterte Importmöglichkeiten tragen zusätzlich zur Stabilisierung des Marktes bei und wirken größeren Preisrückgängen entgegen.
Geopolitische Unsicherheit bleibt prägend
Die geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten führen vor allem kurzfristig zu erhöhter Volatilität am Goldmarkt. Bei anhaltenden oder eskalierenden Spannungen dürfte diese Volatilität bestehen bleiben. Mittel- bis langfristig sind die Perspektiven jedoch positiv: dauerhafte geopolitische Risiken erhöhen das Risiko einer stagflationären Entwicklung und stützen die Nachfrage sowohl der Zentralbanken als auch langfristig orientierter Anleger.
Eine Entspannung der Lage könnte kurzfristig zu einer Konsolidierung oder zu Preisrückgängen führen, da die Nachfrage nach sicheren Anlagen nachlässt und Realzinsen wieder stärker in den Vordergrund rücken. Der strukturelle Bedarf an Diversifikation sowie die bestehenden makroökonomischen Unsicherheiten bleiben jedoch bestehen. Kurzfristige Schwächephasen sind aus unserer Sicht eher als taktische Marktbewegungen einzuordnen und können Opportunitäten für den Aufbau langfristiger Positionen bieten.
Fazit: Kurzfristige Schwankungen, positive mittelfristige Perspektiven
Bis zum Jahresende dürfte der Goldpreis vor dem Hintergrund von Unsicherheiten hinsichtlich Inflation, Zinsen, geopolitischer Entwicklungen und Konjunkturdaten volatil bleiben. Mittelfristig überwiegen jedoch die positiven Einflussfaktoren.
Viele Anleger sind weiterhin vergleichsweise gering in Gold investiert, während geopolitische Risiken, hohe Staatsverschuldung und Vorbehalte gegenüber der wirtschaftspolitischen Verlässlichkeit – insbesondere in den USA – fortbestehen. Vor diesem Hintergrund bleibt Gold ein wichtiger Baustein zur Diversifikation von Portfolios. Die Phase rascher Kursanstiege mag hinter uns liegen. Gold dürfte auch im Jahr 2026 eine bedeutende Rolle als langfristige Anlageklasse spielen.
Jan Wirken, Senior Equity & Commodity Research & Advisory Expert

