
Wochenkommentar: Zinsdruck und Gipfelhoffnung – Wechselbad am Kapitalmarkt
Die im Nachgang zur Zinsentscheidung der US-Notenbank wieder anziehenden Staatsanleiherenditen und der Große Verfallstag an den internationalen Terminbörsen vermochten der Wall Street zum Ende der vergangenen Woche nicht allzusehr zuzusetzen, da vor allem deutlicher nachgebende Ölpreise und Tech-Aktien die Kurse stützten. In Europa lasteten vor allem negative Nachrichten aus den Sektoren Automobile, Banken und Telekommunikation auf den Kursen. Zugleich stand das Geschehen am Wochenende weiter im Spannungsfeld der Furcht vor Inflation und den Folgen des Nahostkonflikts. Berichten zufolge befanden sich die USA nach der Bitte um Unterstützung von Saudi-Arabien sogar kurz vor einer Angriffswelle gegen die vom Iran unterstützte Huthi-Miliz im Jemen. Die Huthis hatten zuvor erstmals Ziele in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad sowie Ölanlagen am Roten Meer angegriffen. Trumps Kehrtwende folgte dem Dilemma, vor den Midterms im November keine weitere Eskalation im Nahen Osten provozieren zu wollen. Zu Beginn der neuen Woche überwog zunächst einmal mehr die Hoffnung auf diplomatische Fortschritte im Ringen um eine Deeskalation in Nahost bei der laufenden 81. UN-Generalversammlung in New York. Am Dienstag erreichte der techlastige NASDAQ Composite dank neu entfachter KI-Euphorie ein Allzeithoch. Dazu trugen u.a. positive Sektornachrichten und hohe Erwartungen an das UN-Gipfeltreffen zwischen den Staatschefs aus China und den USA am Donnerstag bei. Zuvor jedoch sorgte Trump in einer von Wahlkampfrhetorik geprägten Rede mit Drohungen gegen den Iran für Ernüchterung in der Marktbreite und verortete einen möglichen „Deal“ mit der islamischen Republik zeitlich erst nach den Midterms im November. Starke US-Einkaufsmanager-indizes und Überlegungen der US-Regierung zu einem Diesel-Exportverbot trieben die Wahrscheinlichkeit von Zinsschritten der Notenbanken in den kommenden 12 Monaten (Fed: 3-4, EZB: 5) an den Terminmärkten derweil nach oben und sorgten für neue mehrjährige Renditehochs an den Staatsanleihemärkten.
Renten-, Devisen- und Rohstoffmärkte
Die Verkaufswelle bei Anleihen aus der Eurozone rollte zuletzt weiter, da robuste Konjunkturdaten und hohe Ölpreise Spekulationen auf weitere Zinserhöhungen der EZB anheizen. Hohe Staatsschulden und politische Ungewissheit trieben etwa die Rendite der 10-jährigen französischen Staatsanleihe mit knapp 4,70% auf das höchste Niveau seit Juli 2008. Die Rendite 2-jähriger Bundesanleihen stieg im 7T-Vergleich um 10 Bp auf 3,33%, während 10-jährige Papiere um 12 Bp fester bei 3,60% rentierten – ein 9-Tageshoch. Die Renditen 5-jähriger Titel markierten jüngst ein 18-Jahreshoch. In Reaktion auf Trumps wiederholte Tiraden gegen den Iran und besser als erwartet ausgefallenen US-Einkaufsmanagerindizes ging es auch für US-Staatsanleiherenditen nach oben. 2-jährige US-Treasuries notierten im 7T-Vergleich um 26 Bp höher bei 4,93%, während bei 10-jährigen Papieren mit 5,20% (höchster Stand seit Juli 2007, +27 Bp) die 5%-Marke nun deutlicher übersprungen wurde. Auf dem 29 Billionen USD schweren US-Staatsanleihemarkt, der die Preisbildung für praktisch alle Finanzanlagen bestimmt, dürften weitere deutliche Renditeanstiege eine tiefgreifende Anpassung der globalen Kapitalkosten bedeuten. Sie würden signalisieren, dass sich Anleger auf für längere Zeit höhere Inflationserwartungen einstellen müssen, einhergehend mit wachsender Besorgnis über die Tragfähigkeit der US-Haushaltsfinanzen.
Das Währungspaar EUR/USD fiel im 7T-Vergleich um 0,8% auf 1,1380 und damit auf den tiefsten Stand seit Ende Juli. Die restriktive Rhetorik der großen Zentralbanken dürfte sich damit auch an den Währungsmärkten als dominierendes Narrativ durchgesetzt haben, was den Greenback stützt. Deutlich erholt vom Vier-Wochen-Tief bei unter 75.000 USD zeigte sich der Bitcoin mit Kursen zuletzt im Bereich von 84.000 USD. Die Einführung einer 5-jährigen Ausnahmeregelung für Handelsplattformen mit tokenisierten Aktien und anderen Wertpapieren mittels Blockchaintechnologie durch die US-Börsenaufsicht SEC weckte Erwartungen auf eine weitere Integration traditioneller Finanzmärkte und der um digitale Vermögenswerte herum aufgebauten Infrastrukturen.
Saudi-Arabien hat Berichten zufolge seine am 13. September nach Huthi-Drohnenangriffen beschädigte Ost-West-Pipeline wieder in Betrieb genommen. Die Ölexporte über den Hafen Janbu am Roten Meer konnten wieder aufgenommen werden. Deeskalationssignalen im Vorfeld des UN-Gipfels folgten jedoch neue Drohungen Trumps gegen den Iran. Warnungen eines iranischen Vertreters, dass die geopolitische Lage im Nahen Osten weiter eskalieren könnte, ließen die Ölpreise zuletzt deutlich anziehen. Im 7T-Vergleich stieg der Preis der Nordsee-Ölsorte Brent um 1,7% auf 106,60 USD je Barrel.
Trotz stützender fundamentaler Faktoren (u.a. Zentralbankkäufe, geopolitische Risiken, hohe Staatsschulden) konnte das zinslose Edelmetall Gold jüngst nicht mehr den Renditeanstiegen an den Anleihemärkten und der Dollarstärke trotzen. Im 7T-Vergleich fiel die Feinunze um 1,5% auf 4.275 USD.
Konjunkturzahl der Woche
Ifo-Index im September mit 5. Anstieg in Folge – Expansionssignal
Der sich abzeichnende Aufschwung hebt die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Unternehmen. Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist im September deutlicher als erwartet auf 89,9 (Vm. 88,8 / Kons. 89,0) Punkte gestiegen. Sowohl ihre aktuelle Lage als auch ihre Geschäftserwartungen, bewerteten die befragten Unternehmen positiver. Laut unseren Volkswirten sei nun wichtig, dass sich die Stimmung weiter bessert. Erst wenn das Barometer für längere Zeit mindestens 5 Punkte über dem aktuellen Stand läge, sei echter Konjunkturoptimismus angezeigt. Doch neben schwierigen Standortbedingungen, steigenden Zinsen und politischen Unsicherheiten käme nun vor allem noch die fehlende Perspektive auf deutlich sinkende Energiepreise hinzu.
Weitere Marktthemen im Fokus
Könnte eine Super-KI die Menschheit bedrohen?
Künstliche Intelligenz gilt als Motor des nächsten Technologieschubs – doch die Warnungen werden lauter. Jüngst sorgte der spektakuläre Abgang des Forschers Jacob Coxon des KI-Startups Anthropic für Aufsehen. Er wirft den führenden Labors vor, „rücksichtslos“ in Richtung selbstverbessernder Superintelligenz zu rasen und dabei „mit unserem Leben zu spielen“. Ein leitender Sicherheitsforscher bei Anthropic schätzt das Risiko, dass KI „alle Menschen töten“ könnte, auf über 10% – und räumt ein, dass es keinen belastbaren Plan für dieses Szenario gibt. Gleichzeitig berichten Medien über weitere Forscher, die Anthropic, OpenAI oder Google DeepMind aus Sorge verlassen haben, es gebe „keine Erwachsenen im Raum“, die das Wettrennen um immer größere Modelle wirklich bremsen könnten. Dario Amodai und Sam Altman als Firmenchefs von Anthropic und OpenAI bezeichneten vor dem UN-Sicherheitsrat die rasante KI-Entwicklung als „globale Chance“, aber auch als „globale Bedrohung“. Sie riefen die Regierungen zur weltweiten Zusammenarbeit auf. Trump hatte erst vergangene Woche KI-Warnungen als „Schwindel“ bezeichnet. Der chinesische Präsident Xi Jinping betonte auf dem UN-Gipfel, die USA und China hätten „sowohl die Fähigkeit als auch die Verantwortung, dass die Entwicklung von KI stets unter menschlicher Kontrolle steht und dem Wohlergehen der Menschen dient.“ In den vergangenen Tagen hatte sich US-Finanzminister Scott Bessent mit dem chinesischen Premier He Lifeng getroffen und verkündet, beide Länder würden über einen Benachrichtigungsmechanismus bei KI-Gefahren für die nationale Sicherheit verhandeln. Erst in jüngerer Zeit gab es mehrere konkrete Zwischenfälle: Testsysteme, die in Cyber-Sicherheitsübungen ausbrechen, sich heimlich koordinieren und externe Ziele attackieren, nähren Zweifel, ob die Entwickler ihre eigenen Modelle noch kontrollieren können. Trotz mancher Alarmrufe wächst jedoch auch ein breiter Konsens, KI verantwortungsvoll zu entwickeln: Unternehmen investieren in Sicherheitsforschung, Regulierer arbeiten an globalen Standards, und unabhängige Labs testen Risiken. Gelingt dieser Schulterschluss, könnte durch KI-Einsatz auch Wohlstand, Medizin und Bildung weltweit spürbar verbessert werden.
Wochenausblick
In der kommenden Woche richtet sich der Blick der Märkte vor allem auf Konjunkturdaten von US-Seite und mehrere Fed‑Auftritte. Bereits am heutigen Tag werden die US-Auftragseingänge langlebiger Güter veröffentlicht – ein wichtiger Frühindikator für die Investitionstätigkeit der Unternehmen und damit für die Wachstumserwartungen. Gleichzeitig dürften das Konsumklima der Universität Michigan sowie weitere Vertrauensindikatoren Hinweise liefern, ob der private Konsum in den kommenden Monaten tragfähig bleibt. Ab der Wochenmitte folgen US-Arbeitsmarktdaten sowie dem PCE‑Inflationsmaß mehrere Kennziffern, die für den weiteren Zinskurs der Fed besonders relevant sind. Am Donnerstag gibt der ISM‑Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe Aufschluss darüber, ob sich der US‑Konjunkturpfad eher in Richtung „weiche Landung“ oder einer deutlicheren Abkühlung entwickelt. Flankiert wird dies auf geldpolitischer Seite von zahlreichen Fed‑Reden, die nach der letzten Zinsentscheidung Hinweise liefern könnten, ob und wann weitere Schritte bei den Leitzinsen zu erwarten sind. In Europa und Asien sind im Wochenverlauf diverse Einkaufsmanagerindizes, Arbeitsmarkt‑ und Inflationsdaten terminiert. Auf der politischen Bühne könnten die Ergebnisse des UN-Gipfels und hier vor allem der Ergebnisse aus den Gesprächen zwischen Präsident Trump und Präsident Xi auf die Kapitalmärkte nachwirken – abhängig von ausgesendeten Signalen in den Bereichen Handel, Technologie und Sicherheitspolitik. Hinzu kommen mögliche OPEC‑/OPEC+‑Treffen und die geopolitischen Konfliktherde in der Nahostregion und in der Ukraine, die über die Energiepreise in die Inflations‑ und Zinserwartungen der Märkte zurückwirken können.
Es handelt sich um einen Auszug des Wochenkommentars. Der vollständige Marktupdate, mit weiteren Grafiken und Tabellen, steht den Kunden der Bethmann HAL wöchentlich zur Verfügung.