Javascript is requiredWochenkommentar: Schaukelbörsen – Kapitalmärkte bleiben auf Richtungssuche
Künstlerische Collage von Bethmann HAL mit einem stilisierten Vogel, überlagerten Zeichnungen, geometrischen Formen, Pflanzenmotiven und abstrakten Grafikelementen in hellen Beige-, Grau- und Grüntönen.

Wochenkommentar: Schaukelbörsen – Kapitalmärkte bleiben auf Richtungssuche

Wochenkommentar
Märkte und Assets

An den europäischen Aktienmärkten endete die vergangene Woche versöhnlich, während sich die Abverkäufe in technologielastigen Indizes an der Wall Street und in Südostasien zu Wochenbeginn zunächst fortsetzten. Besonders kräftig fiel die Korrektur in Südkorea aus. Der Kospi geriet nach seinen zuvor hohen Kursgewinnen massiv unter Druck; auch an der Nasdaq setzte sich die Schwäche fort. Sorgen über die Tragfähigkeit hoher KI-Bewertungen und die Rentabilität milliardenschwerer Investitionen prägten das Marktgeschehen.

Im weiteren Wochenverlauf blieb die Anlegerstimmung vor den Quartalszahlen mehrerer großer Technologiekonzerne wechselhaft. In Europa belasteten zudem politische Unsicherheiten nach gewalttätigen Protesten in Frankreich. Positive Konjunktursignale aus China (BIP-Zahlen) und den USA (Industrieproduktion) konnten nur begrenzt stützen. Vereinzelt anhaltender Druck auf Staatsanleiherenditen wirkten belastend. Neue Hoffnung auf eine diplomatische Lösung im Konflikt zwischen den USA und dem Iran leitete zwischenzeitlich eine Erholung an den Aktienmärkten ein. Auslöser waren Medienberichte über einen möglichen, allerdings unbestätigten Kompromissvorschlag der Vermittlerstaaten Katar und Pakistan.

Am Donnerstag rückte erneut der Technologiesektor erneut in den Fokus. Die Quartalsberichte von Tesla, Meta und IBM wurden vom Markt unterschiedlich aufgenommen und konnten die Zweifel an den Ertragsaussichten hoher KI-Investitionen nicht ausräumen. Das Trendthema KI befindet sich damit zunehmend im Spannungsfeld zwischen technologischer Dynamik und dem Nachweis finanzieller Erträge. Zusätzlichen Gegenwind lieferten erneut steigende Ölpreise und verstärkten Inflations- und Zinssorgen. Zudem sorgte erheblicher Renditedruck bei zehnjährigen französischen Staatsanleihen im Vorfeld der heutigen Moody’s-Rating-überprüfung und für das Wochenende neuer angekündigter Proteste für zusätzliche Unruhe an den Kapitalmärkten.

Renten-, Devisen- und Rohstoffmärkte

 

Bei europäischen Staatsanleihen schichteten Anleger zuletzt vor allem Titel aus Frankreich und Italien in als sicher geltende deutsche Bundesanleihen um und vergrößerten dadurch die Zinsaufschläge (Spreads), die diese Länder zahlen müssen. Im Falle 10-jähriger französischer Staatsanleihen (OATs) waren es im Vergleich zu Bundesanleihen mit gleicher Laufzeit im Hoch 162 (Vorwoche: 134) Basispunkte. Die Rendite 10-jähriger OATs erklomm am Donnerstag mit knapp 5,10% im Handelsverlauf ein neues Mehrjahreshoch und notierte im 7T-Vergleich um 11 Bp höher bei 5,06%. 10-jährige Bundesanleihen rentierten dagegen im 7-Tage-Vergleich genauso um 8 Bp schwächer bei knapp 3,33%, wie zweijährige Papiere bei 3,04%. In den USA fielen die Staatsanleiherenditen zuletzt deutlich – nach temporären Anstiegen in Richtung ihrer alten Mehrjahreshochs zu Wochenbeginn. US-Staatstitel könnten laut Stimmen aus dem Markt ihren Diversifikationswert zurückerhalten, wenn sich eine von der KI angeführte Marktkorrektur – wie gestern geschehen – verschärfe. 10-jährige US-Treasuries rentierten zur Vorwoche um 11 Bp tiefer bei 4,96%, zweijährige Titel um 11 Bp schwächer bei 4,64%.

Der US-Dollar konnte seine Stärke behaupten – das Währungspaar EUR/USD notierte im 7-T-Vergleich unverändert bei 1,1216. Die Cyberdevise Bitcoin gab im gleichen Zeitraum um 1,0% auf 81.170 USD nach.

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat beschlossen, mehr als 20 Mio. Barrel Diesel auf den Markt zu bringen. Zudem soll das restliche Öl aus einer im März zugesagten Rekordfreigabe von Notreserven freigegeben werden, um das Angebot zu erhöhen und die stark gestiegenen Preise zu dämpfen. Ungeachtet dessen erklomm der Preis der Nordsee-Ölsorte Brent zuletzt angesichts anhaltender Angriffe der iranischen Revolutionsgarden auf Tanker in der Straße von Hormus und neuer Attacken der jemenitischen Huthi-Rebellen auf saudi-arabische Ölfelder ein Fünf-Monats-Hoch bei 113,17 USD (7T-Vergleich: +6,8%). Es gab jüngst zudem Medienberichte, wonach die Streitkräfte der USA und Israels Pläne für erneute Angriffe auf den Iran nach den US-Midterms am 3. November ausgearbeitet hätten.

Die mit den jüngsten Ölpreisanstiegen gestiegenen Inflationsrisiken lasteten auf der Feinunze Gold, die im 7T-Vergleich um 3,5% auf 4.025 USD nachgab.

Konjunkturzahlen der Woche

 

US-Firmen fahren Produktion im September hoch – Konjunkturstimmung in Deutschland im Oktober gesunken 

In den USA ist die Industrieproduktion im September stärker als erwartet um mom 0,7% (Vm. rev. +0,1% vs. unv. / Kons. +0,4%) gestiegen. Die Kapazitätsauslastung der Industrieunternehmen betrug 76,9% (Vm. 76,4% / Kons. 76,5%). Im ‌jüngst veröffentlichten Konjunkturbericht "Beige ⁠Book" der Federal Reserve ⁠heißt es, die Unternehmen behielten für die kommenden Monate weiter einen positiven Wirtschaftsausblick bei. Die Erwartungen deuteten jedoch eher auf ein leichtes Wachstum hin, das durch anhaltende Unsicherheiten belastet werde.

Das Konjunktursentiment hat sich in Deutschland im Oktober eingetrübt, wie aus dem aktuellen ZEW-Bericht hervorgeht. Der entsprechende Index für die Konjunkturerwartungen fiel auf 28,1 (Vm. 34,7 / Kons. 30,0) Punkte, während der Indikator für die aktuelle Lage sich auf -35,9 (Vm. -47,1 / Kons. -44,5) Zähler deutlicher als erwartet aufhellte. Laut ZEW-Präsident Achim Wambach finde die deutsche Wirtschaft langsam einen Weg aus der Stagnation, doch die Erholung trage sich nicht selbst. Privater Konsum und Investitionen blieben angesichts der hohen Energiepreise schwach. Für die Eurozone gab der Index der Konjunkturerwartungen auf 18,5 (Vm. 25,8) Zähler nach.

Weitere Marktthemen im Fokus

 

Drohen mittelfristig Billionen-Abschreibungen im KI-Bereich?

Die weltweiten Investitionen in neue Rechenzentren werden sich einer Studie der Beratungsgesellschaft Gartner zufolge auf absehbare Zeit nicht auszahlen. Demnach drohten bei Projekten im Gesamtvolumen von 3,5 Bill. USD bis 2030 Abschreibungen – etwa die Hälfte der Ausgaben. Laut den Experten reichen die erwarteten KI-Umsätze im Geschäfts- und Privatkundenbereich nicht für Gewinne aus. Allein 2026 werde 1 Bill. USD in KI-Infrastruktur investiert, in den folgenden vier Jahren weitere sechs Billionen. Bis 2030 müssten Rechenzentrumsbetreiber kumuliert 8,5 Bill. USD an Umsatz erzielen, um die Investitionen zu finanzieren und eine Rendite von 12% p.a. zu erwirtschaften; die KI-Erlöse dürften jedoch laut der Studie höchstens 3,6 Bill. USD erreichen. Hinzu komme, dass die aktuelle Generation von Hochleistungsservern in wenigen Jahren ersetzt werden müsse. Die Investitionen dürften sich daher erst 2032 auszahlen; bis dahin könnten Abschreibungen im Volumen von 4 Bill. USD anfallen. Besonders betroffen wären demnach spezialisierte KI-Rechenzentrumsbetreiber, sogenannte Neoclouds: Gartner erwartet, dass 80% ihren Betrieb einstellen oder übernommen werden. Hyperscaler wie Amazon Web Services (AWS), Google und Microsoft könnten ihr Investitionstempo dank anderer Einnahmequellen dagegen aufrechterhalten. Die Sorge vor einem Abflauen des KI-Booms löste zuletzt einen Abverkauf im Technologiesektor aus, mit negativen Folgen auch für Börsengänge. So sagte der australische Rechenzentrumsbetreiber Firmus seinen Börsengang kurzfristig ab, während das IPO des südkoreanischen Neocloud-Dienstleisters Elice trotz starker Überzeichnung mit einem um ein Drittel unter dem Emissionspreis liegenden Schlusskurs deutlich missglückte.

Wochenausblick

 

Eine intensive Berichtssaison trifft auch in der kommenden Woche auf wichtige Konjunkturdaten, politische Ereignisse und gleich zwei Zinsentscheide. Den Auftakt geben am Freitag die Einkaufsmanagerindizes aus Deutschland, der Eurozone, Großbritannien und den USA. Am Montag folgt mit dem ifo-Geschäftsklima ein weiterer wichtiger Stimmungstest für die deutsche Wirtschaft.

Unternehmensseitig nimmt die Schlagzahl deutlich zu. Im Wochenverlauf berichten von deutscher Seite u.a. Porsche, BASF, Deutsche Bank, Mercedes-Benz, Volkswagen und Adidas. Am Mittwochabend rücken mit Microsoft und Alphabet zwei Schwergewichte aus dem US-Technologiebereich ins Rampenlicht, tags darauf folgen u.a. Amazon und Intel.

Der geldpolitische Höhepunkt wartet zur Wochenmitte: Am Mittwoch entscheidet die Fed über die Zinsen, am Donnerstag folgt die EZB. Zusätzlich werden am Donnerstag das US-BIP für das dritte Quartal und PCE-Preisdaten veröffentlicht. Damit dürften frische Daten zu Wirtschaftswachstum, Inflationsentwicklung und der weitere Zinspfad der Notenbanken die Märkte dominieren.

Auch die Politik liefert Impulse: Brasilien wählt am Sonntag seinen Präsidenten, Israel am Dienstag ein neues Parlament. Gleichzeitig tagt ab Montag das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas. Vor den als politischen Stimmungstest geltenden Midterms am 3. November wird an den Märkten darauf verwiesen, dass die US-Regierung noch vor der Wahl in der Iran-Frage und im Ukraine-Krieg einen Erfolg anstreben könnte. Für die Kapitalmärkte steigt damit die Wahrscheinlichkeit kurzfristiger Ausschläge bei Öl, Anleiherenditen, US-Dollar und Aktien. Neben Konjunktur und Geldpolitik dürfte die politische Risikoprämie auch im Falle von Europa mit Blick auf die Ankündigung neuer Proteste am Wochenende eine größere Rolle spielen. Daneben dürfte mitentscheidend für Marktentwicklung der kommenden Wochen sein, ob Unternehmensgewinne und Konjunkturdaten den geldpolitischen Kurs von Fed und EZB bestätigen oder neue Zweifel an den Zinserwartungen wecken.

 

Es handelt sich um einen Auszug des Wochenkommentars. Der vollständige Marktupdate, mit weiteren Grafiken und Tabellen, steht den Kunden der Bethmann HAL wöchentlich zur Verfügung.

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