
Wochenkommentar: Nahost-Hoffnung stützt Börsen – NVIDIA liefert Rückenwind
Während die europäischen Börsen dank überraschend robuster Konjunktur-daten (u.a. deutsches BIP, Ifo-Index) und sinkender Ölpreise freundlich in die neue Börsenwoche starteten, überwog an der Wall Street und den asiatischen Märkten zunächst die Vorsicht vor der mit Spannung erwarteten Zahlenvorlage des US-Technologiekonzerns NVIDIA zur Wochenmitte. Letztlich sorgten die besser als erwarteten Geschäftszahlen und der überraschende Umsatzausblick des KI-Giganten an den Börsen für Erleichterung. Belastet wurde die Stimmung aber zwischenzeitlich durch den wachsenden politischen Widerstand in einigen US-Bundesstaaten gegen KI-Rechenzentren. Auch die jüngsten Zollankündigungen im Handelsstreit zwischen den USA und Kanada, insbesondere für Autos und Autoteile, sowie die Androhung weiterer Iran-Sanktionen sorgten zeitweise für Verunsicherung. So stellte die US-Regierung im Rahmen ihres sogenannten „wirtschaftlichen D-Days“ verschärfte Strafmaßnahmen gegen Länder in Aussicht, die Geschäfte mit der Islamischen Republik machen, verzichtete jedoch zunächst auf konkrete Schritte. Stützend für die Aktienmärkte wirkten zur Wochenmitte neben einer Beruhigung am Anleihemarkt Medienberichte, wonach die Vereinigten Staaten und der Iran in den kommenden Tagen eine Waffenruhe ankündigen könnten. Zudem wurde berichtet, dass Iran und Oman über ein Rahmenabkommen zur Öffnung der Straße von Hormus verhandeln. Ziel sei demnach eine dauerhafte Lösung für den Schifffahrtskorridor und die künftige Verwaltung der Meerenge. Teheran betonte jedoch, zunächst müssten die USA weitergehende iranische Forderungen erfüllen, darunter die Aufhebung der Blockade iranischer Häfen.
Am heutigen Freitag um 16:00 Uhr richtet sich der Fokus auf die Rede von Fed-Chef Kevin Warsh beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole. Anleger erhoffen sich dort Hinweise auf die Auswirkungen bzw. Bewertung der jüngsten Stützungsmaßnahmen des US-Finanzministeriums am Anleihemarkt. Das diesjährige dreitägige Forum steht unter dem Leitmotto „Financial Innovation“.
Renten-, Devisen- und Rohstoffmärkte
Die Staatsanleiherenditen kamen nach ihrem jüngsten Anstieg auf Dekadenhochs (30-jährige US-Staatstitel notierten vergangene Woche bei 5,30%) etwas zurück. Belastend wirkten vor allem die gesunkenen Ölpreise und der damit nachlassende Inflationsdruck. Für zusätzliche Entlastung sorgte ein Bericht, wonach US-Finanzminister Scott Bessent die nahezu 1 Billion US-Dollar umfassenden Liquiditätsreserven des Staates anzapfen könnte, um die erst kürzlich angekündigten erweiterten Rückkäufe von Staatsanleihen zu finanzieren. Von einer Trendwende am Anleihemarkt war jedoch keine Rede. Marktteilnehmer betonten, die treibenden Kräfte hinter dem Renditeanstieg seien weiterhin intakt. Zudem verhielten sich Anleiheinvestoren vor dem Notenbanker-Treffen in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming abwartend, da sie sich Hinweise auf den künftigen geldpolitischen Kurs der wichtigsten Zentralbanken erhoffen. Der stärker als erwartete Anstieg des PCE-Deflators, des bevorzugten Inflationsmaßes der US-Notenbank, ließ die Renditen von US-Staatsanleihen zur Wochenmitte wieder leicht anziehen. Die Rendite 10-jähriger US-Staatstitel sank auf Wochensicht immerhin noch um 3 Bp auf 4,68%. 10-jährige Bundesanleihen rentierten im gleichen Zeitraum nur um 1 Bp tiefer bei 3,25%.
Das Währungspaar EUR/USD hielt sich an den vergangenen Handelstagen in einer engen Spanne von 1,1650 – 1,1700. Noch in der vergangenen Woche hatte der Dollar-Index um fast 1% eingebüßt. Auslöser waren Pläne des US-Finanzministeriums, zur Stützung des Anleihemarktes verstärkt Staatanleihen zurückzukaufen.
Der Preis der Nordsee-Ölsorte Brent gab in den vergangenen Handelstagen deutlich nach und fiel zeitweise auf 86 US-Dollar je Barrel. Belastend wirkten Berichte, wonach Iran und Oman Möglichkeiten zur Wiederöffnung der Straße von Hormus ausloten und dabei nach eigenen Angaben Fortschritte erzielt haben. Ob und wann eine Umsetzung erfolgt, hängt jedoch maßgeblich von den USA ab. Europa sieht sich derweil mit Risiken für die Erdgasversorgung konfrontiert, da niedrige Speicherstände und die anhaltenden Beeinträchtigungen des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus die Versorgungslage erschweren. Dies trieb die Preise für den niederländischen TTF-Gas-Futures-Kontrakt nach oben, der am Montag den höchsten Stand seit Januar 2023 erreichte.
Die Feinunze Gold profitierte von zuletzt etwas gesunkenen Renditen und notierte im Wochenverlauf mit Kursen um knapp 4.660 USD zwischenzeitlich auf dem höchsten Stand seit mehr als drei Monaten. Ein schwächerer US-Dollar und die Hoffnung der Anleger auf ein neues Gesetz für den Kryptomarkt trieben den Bitcoin zuletzt weiter an – die umsatzstärkste Cyber-Devise notierte mit Kursen um 81.000 USD am Dienstag auf dem höchsten Niveau seit Mai.Konjunkturzahl der Woche
Ifo-Index im August höher als erwartet – Experten skeptisch
Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Unternehmen hellt sich weiter auf. So stieg der Ifo-Geschäftsklimaindex im August auf 88,8 (Vm. rev. 86,7 / Kons. 87,2) Punkte und damit das vierte Mal in Folge. Die Firmen blicken optimistischer auf ihre Lage als zuletzt und bewerten auch ihre Geschäftsaussichten besser. Unsere Volkswirte halten den Stimmungsaufschwung für überraschend, da die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit hohen Energiepreisen, einer die Produktion bremsenden Hitzewelle und einer im Sommerloch weilenden Regierung schwierige Rahmenbedingungen stellen. US-Sanktionen gegen den Iran dürften die Energiepreise zudem hochhalten. Auch Exportchancen für manchen Absatzmarkt stünden derzeit auf dem Spiel. Es liege auf der Hand, dass Wachstumshoffnungen für 2H26 verhalten bleiben. Das Wachstumssignal stehe damit weiter auf Durchhalten statt Aufschwung, womit sich die bessere Stimmung erst noch beweisen müsse.
Weitere Marktthemen im Fokus
Handelskonflikt zwischen den USA und Kanada eskaliert
Im Zollkonflikt mit den USA hat Kanada Vergeltungszölle von bis zu 50% auf Importe aus dem Nachbarland verhängt. Laut dem kanadischen Finanzminister François-Philippe Champagne wird Kanada mit Wirkung vom 8. September Gegenzölle von bis zu 15%, 25% oder 50% auf Importe aus den Vereinigten Staaten von Amerika im Wert von 27,6 Mrd. CAD erheben. Für jedes Produkt würde der kanadische Zoll dem amerikanischen Zoll auf die gleiche Art kanadischer Waren entsprechen. Seit dem Scheitern der Handelsgespräche zwischen Washington und Ottawa Ende vergangener Woche ist der Streit zwischen den Nachbarländern eskaliert. Die USA verhängten am Wochenende Zölle von 50% auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Mrd. USD - darunter etwa Hockeyschläger, Möbel, Honig und Wein. Laut dem kanadischen Premierminister Mark Carney wollen die USA kanadische Schlüsselindustrien wie die Automobil-, Stahl- und Aluminiumindustrie schädigen. US-Präsident Trump hingegen wirft dem Nachbarland vor, die USA seit Jahren „auszubeuten“ und behauptet, nicht auf den Handel angewiesen zu sein – laut US-Zensus ist Kanada derzeit der zweitgrößte US-Handelspartner. Besonders eng sind beide Länder im Energiesektor miteinander verflochten. So ist Kanada der mit Abstand wichtigste ausländische Lieferant von Rohöl für die USA. Erst am Montag hatte Trump mit einer Erhöhung der Importabgaben für Autos, große und kleine Lastwagen, Autoteile und Stahl auf 50% ab dem 1. Januar 2027 gedroht. Wie in der Vergangenheit könnten Unternehmen die Zölle umgehen, indem sie in den USA produzierten, hieß es weiter. 85% aller aus Kanada exportierten Autos gingen 2024 in die Vereinigten Staaten. Laut dem kanadischen Finanzminister Dominic LeBlanc sei die bevorzugte Lösung der kanadischen Regierung ein Abkommen, dass beiden Ländern zugutekommt. Bisher sind die neuen US-Zölle auf weniger wichtige Produkte begrenzt. Da die US-Zölle auf Autos und Autoteile erst ab Januar 2027 in Kraft treten sollen, gäbe es noch einigen zeitlichen Spielraum für weitere Verhandlungen.
Wochenausblick
In der Woche vom 28.08. bis 03.09. rückt der Kapitalmarkt in ein Umfeld, in dem Konjunkturdaten und Geopolitik eng ineinandergreifen. Am Wochenende 28./29. August bildet das Jackson‑Hole‑Symposium den geldpolitischen Höhepunkt. Märkte werden jedes Signal zu Inflationswahrnehmung und zukünftigen Zinspfaden der Fed und anderer Notenbanken genau auf Zinskurven und Risikoanlagen übertragen. Ab Montag folgen weltweit Stimmungs- und Inflationsdaten: In China werden die offiziellen Einkaufsmanager für August veröffentlicht – ein wichtiger Test, ob sich die industrielle Schwäche stabilisiert. Parallel kommen in Deutschland die vorläufigen Länder‑Verbraucherpreise und anschließend die bundesweite Inflationsschätzung für August; sie gelten als Vorbote für die Eurozonen‑Teuerung. Am 1. September stehen dann globale Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe auf der Agenda (u.a. Deutschland, Eurozone, USA). Sie zeigen, ob die industrielle Aktivität nach den jüngsten Bremsspuren wieder anzieht. Gleichzeitig werden in der Eurozone die Schnellschätzung der Inflationsrate und die Arbeitslosenquote veröffentlicht – mit unmittelbarer Relevanz für die Erwartung der nächsten EZB‑Sitzungen. Zur Wochenmitte folgen in Nordamerika US‑Arbeitsmarktdaten aus dem privaten Sektor (ADP) sowie die US‑Fabrikaufträge. Am Abend liefert das Fed‑Beige‑ Book qualitative Hinweise zur Konjunktur. Abgeschlossen wird der Reigen an Wirtschaftsdaten am Donnerstag vom ISM-Einkaufsmanagerindex und der US-Handelsbilanz. Überlagert wird all dies von der anhaltend angespannten Situation in Nahost, da neue US-Sanktionsandrohungen die Unsicherheit bei Ölangebot, Energiepreisen und globalen Lieferketten erhöhen. Wie valide die Annäherungen zwischen Iran und Oman hinsichtlich einer Öffnung der Straße von Hormus sind und wie sich die USA dazu verhält, wird sich erst zeigen müssen.
Es handelt sich um einen Auszug des Wochenkommentars. Der vollständige Marktupdate, mit weiteren Grafiken und Tabellen, steht den Kunden der Bethmann HAL wöchentlich zur Verfügung.