
Wochenkommentar: Marktvertrauen in Fed trotzt Zins-, Nahost- und KI-Ängsten
Die internationalen Aktienmärkte blieben nach den im Rahmen der Erwartungen ausgefallenen US-Inflationsdaten und dem Sprung der Ölpreise auf ein neues Vier-Monatshoch bis Mitte der Woche angespannt. Der durch den Iran-Krieg ausgelöste Anstieg der Rohölpreise setzte die Notenbanken zusätzlich unter Zugzwang, ihre Leitzinsen weiter anzuheben. Nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Geldpolitik bereits in der vergangenen Woche gestrafft hatte, folgte am Mittwoch die US-Notenbank Fed mit einer weithin erwarteten und vom Fed-Komitee einstimmig beschlossenen Leit-zinserhöhung um 25 Bp. Eine große Mehrheit der Fed-Mitglieder sprach sich zudem für eine weitere Anhebung in diesem Jahr aus. An der Wall Street drehten die Kurse nach der seit 2023 erstmaligen US-Leitzinserhöhung im Laufe der Pressekonferenz zunächst ins Minus, erholten sich jedoch bereits am Folgetag deutlich. Auch in Europa wurde die mit dem Zinsschritt aufrechterhaltene Glaubwürdigkeit der US-Notenbank in Bezug auf die Inflationsbekämpfung mit Kursaufschlägen belohnt. Zuvor hatte ein Rücksetzer der zuletzt stark gestiegenen Ölpreise kursstabilisierend gewirkt. Die jüngste Ölpreisrallye war durch eine weitere militärische Eskalation im Nahen Osten ausgelöst worden, woraufhin die Anleiherenditen neue Höhen erreichten. Zusätzlich gerieten jüngst vor allem Techwerte mit KI-Bezug unter Druck, da vielfache Warnungen vor KI-Sicherheitsrisiken die zuletzt dynamischen Investitionen in Rechenleistung und Infrastruktur zu bremsen drohten. Auch der Nahost-Konflikt lastete weiter auf den Märkten. Ein geplantes Treffen zwischen Iran und den Golfstaaten über die Zukunft der Straße von Hormus wurde vom Oman verschoben. Dazu drohen wochenlange Angebotsausfälle infolge von Drohnenangriffen der Huthi-Rebellen auf die als Ausweichroute geltende saudische Ost-West-Pipeline. Trotz der seit einigen Wochen zunehmenden Kursschwankungen zeigen sich die Aktienmärkte bislang von ihrer robusten Seite und Kursrücksetzer werden offenbar vielfach als Einstiegs-gelegenheiten angesehen.
Renten-, Devisen- und Rohstoffmärkte
Die Staatsanleiherenditen erklommen im Vorfeld der Fed-Sitzung und angetrieben von steigenden Ölpreisen neue Höhen. So übersprang die Rendite 10-jähriger US-Treasuries erstmals seit Oktober 2023 die 5,0%-Marke, während die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen mit 3,56% auf dem höchsten Niveau seit April 2011 rentierte. Angesichts des gestiegenen Marktvertrauens in die Entschlossenheit der Fed, die Inflation zeitnah wieder auf den Zielwert von 2,0% zu bringen, kamen Staatsanleiherenditen deutlich zurück. Im 7T-Vergleich notierten 10-jährige Treasuries um 3 Bp tiefer bei 4,93%, während zweijährige Papiere noch um 8 Bp fester bei 4,67% rentierten. Die Rendite zweijähriger Bundesanleihen fiel hingegen um 1 Bp auf 3,23%, während 10-jährige Papiere um 2 Bp schwächer bei 3,48% rentierten.
Das Währungspaar EUR/USD gab angesichts der US-Leitzinserhöhung und der am Markt falkenhaft aufgenommenen Äußerungen von Fed-Chef Kevin Warsh im 7-Tage-Vergleich um 1,2% auf 1,1476 nach. Die Attraktivität von Kryptowährungen wurde durch das Scheitern eines US-Gesetz (Clarity Act) im US-Senat zu deren Regulierung getrübt. Zeitweise fiel die älteste Cyberdevise Bitcoin auf ein Vierwochentief unter die Marke von 75.000 USD, erholte sich aber im Anschluss auf Kurse um 77.000 USD.
Die Ölförderung Saudi-Arabiens als einer der drei weltweit größten Rohölproduzenten ist laut der Internationalen Energieagentur (IEA) wegen Angriffen der jemenitischen Huthi-Milizen auf dessen Energieinfrastruktur mit nur noch 6 (Februar: >10) Mio. Barrel im August auf den niedrigsten Stand seit mehr als 30 Jahren gefallen. Jüngst sorgten Berichte über eine möglicherweise schnellere Wiederherstellung der durch Drohnenangriffe beschädigten Ost-West-Pipeline in Saudi-Arabien und potenzielle Alternativrouten für Preisrücksetzer. Im 7T-Vergleich fiel der Preis für die Nordsee-Ölsorte Brent um 2,6% auf 104,82 (Wochenhoch bei über 109) USD je Barrel. Die im Vorfeld der US-Notenbanksitzung weiter verfestigten Aussichten auf eine Leitzinserhöhung und Fluchtbewegungen in den US-Dollar angesichts der Verschärfung des Nahostkonflikts lasteten nur temporär auf dem Edelmetall Gold. Auf Wochensicht stieg die zinslose Feinunze um 0,5% auf 4.342 USD.
Konjunkturzahl der Woche
US-Verbraucherpreise im August weiter klar über Fed-Zielmarke
Der Inflationsdruck in den USA ist im August wie erwartet hoch geblieben. Laut dem US-Arbeitsministerium stiegen die Verbraucherpreise um yoy 3,4% (Vm. +3,4%), während die US-Notenbank Fed die Marke von 2,0% anpeilt. Die Kernverbraucherpreise (ohne Energie und Lebensmittel) lagen erwartungsgemäß um 2,4% (Vm. +2,5%) über dem Vorjahresmonat. Die Energiepreise erhöhten sich um 2,1% und die Lebensmittelpreise um 0,1%. Laut unseren Volkswirten lagen damit alle Daten für den Zinsentscheid der Fed an diesem Mittwoch auf dem Tisch. Der noch moderate Monatsanstieg der Kernrate habe zwar eher für ein Abwarten gesprochen, andere Entwicklungen deuteten jedoch auf weiterhin erhöhte Inflationsrisiken hin. An den Terminmärkten wurde unmittelbar nach den US-Teuerungsdaten die Wahrscheinlichkeit für eine geldpolitische Straffung der Fed am Mittwoch um 25 Bp auf über 90% (zuvor: 70%) taxiert, was sich durch den erfolgten Zinsschritt auch bewahrheitete. Unser Haus rechnet bis zum Jahresende mit einem weiteren Zinsschritt der Fed im Dezember auf dann 4,25% und für die EZB mit zwei weiteren Zinsschritten im Oktober und Dezember auf dann 3,00%. Dies gründet sich u.a. auf eine voraussichtlich längere Beeinflussung der Seerouten im Persischen Golf und im Roten Meer bis ins nächste Jahr und damit auch für längere Zeit höhere Energiepreise, Teuerungsraten und Kapitalmarktzinsen.
Weitere Marktthemen im Fokus
Wären ausbleibende US-Zölle ein Show-Stopper für „Dr. Copper“?
Nach dem jüngsten Rekordhoch bei 14.875 USD pro Tonne hat der Kupferpreis an der Londoner Metal Exchange (LME) kurzfristig deutlicher nachgegeben. Laut Medienberichten hätten Inflationssorgen zu einem Stillstand bei der Entscheidung der US-Regierung über die Einführung von Zöllen auf das Metall geführt. Die Erwartung, dass die USA Einfuhrzölle auf raffiniertes Metall einführen könnten, hatte in diesem Jahr bereits einen starken Preisanstieg ausgelöst. Die Verzögerungen bei der Zollentscheidung sollen durch Abwägungen der US-Administration zustande gekommen sein, dass höhere Preise für das rote Metall die Herstellungskosten erhöhen könnten, es aber auch potenziell Vorteile einer verstärkten Förderung des heimischen Bergbaus gebe. Das Zögern komme dabei zu einem Zeitpunkt, an dem die Trump-Regierung im Vorfeld der Zwischenwahlen im November zunehmend den Fokus auf die Bezahlbarkeit von Wohnraum legt. Seit US-Präsident Trump im Februar 2025 erstmals offiziell Zölle vorgeschlagen hatte, leiteten Händler Hunderttausende Tonnen Kupfer in die USA um. Dies führt bis heute zu einem weltweiten Angebotsmangel und stützt die globalen Referenzpreise an der Londoner Metallbörse. Die Preisdifferenz zwischen Kupferkontrakten an der New Yorker Rohstoffbörse COMEX und der der LME betrug nach dem 30. Juni, dem ursprünglichen Stichtag der US-Administration zur Einführung von Kupferzöllen, durchschnittlich 360 USD pro Tonne. Dies könnte darauf schließen lassen, dass Händler weiterhin mit zukünftigen Kupferzöllen rechnen. Der globale Kupfermarkt steht zudem vor einem langfristigen Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, da alternde Minen Schwierigkeiten haben, mit dem wachsenden Verbrauch aus Rechenzentren, erneuerbaren Energien und Stromnetzen Schritt zu halten. An den Rohstoffmärkten laufen optimistische Wetten darauf, dass die Nachfrage – insbesondere aufgrund des Booms der künstlichen Intelligenz – das weltweite Minenangebot übertreffen wird. Dieses wird u.a. durch rückläufige Erzgehalte, Projektunterbrechungen und widrige Wetterbedingungen eingeschränkt.
Wochenausblick
In der Woche vom 18. bis 24. September 2026 richtet sich der Blick der Kapitalmärkte auf ein dichtes Bündel aus Konjunktur‑, Notenbank‑ und geopolitischen Impulsen. Marktseitig könnte am heutigen Tag bereits der große Verfallstag an den Terminbörsen für größere Kursschwankungen sorgen. Auf der Datenseite liefern Stimmungsindikatoren in Industrie und Dienstleistungen, Immobilien‑ und Verbraucherdaten sowie chinesische Außenhandels‑ und Produktionszahlen wichtige Hinweise, ob sich die globale Wachstumsabkühlung fortsetzt oder erste Stabilisierungstendenzen sichtbar werden. Jede Überraschung gegenüber den Konsenserwartungen kann die Zinserwartungen der Märkte spürbar verschieben und damit Anleihe‑ und Aktienkurse beeinflussen. Geldpolitisch stehen u.a. Reden von Vertretern der großen Zentralbanken wie Fed und EZB im Marktfokus, da sie Hinweise auf die weitere Ausrichtung im Inflationskampf und auf die Dauer des restriktiven Zinsniveaus liefern können. Überlagert wird dieses ökonomische Umfeld von einer anhaltend anspruchsvollen geopolitischen Lage. Die in den letzten Wochen neu entfachten militärischen Eskalationen in der Nahostregion und der Ukrainekrieg bleiben zentrale Risikofaktoren. Sie beeinflussen Energie‑ und Rohstoffpreise, Lieferketten und Investitionsentscheidungen und nähren immer wieder Phasen erhöhter Risikoaversion. Politische Signale im Vorfeld wichtiger Wahltermine – insbesondere mit den in den USA sich nähernden Midterms – könnten zusätzliche Schwankungen an den Kapitalmärkten auslösen. So gewinnt etwa der Streit um den in den USA zunehmend umstrittenen Bau von KI-Rechenzentren immer mehr an Brisanz. Am kommenden Donnerstag trifft sich US-Präsident Trump mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Neben Handelsthemen dürfte es vor allem um den Iran-Krieg und möglichen Druckaufbau Chinas auf Teheran gehen.
Es handelt sich um einen Auszug des Wochenkommentars. Der vollständige Marktupdate, mit weiteren Grafiken und Tabellen, steht den Kunden der Bethmann HAL wöchentlich zur Verfügung.