
Wochenkommentar: Aktienmärkte infolge Ölpreis- und Renditedrucks fragiler
Ein schwächer als erwartet ausgefallener US-Arbeitsmarktbericht sorgte zu Wochenbeginn zunächst für Erleichterung an den internationalen Aktienmärkten. Die Mehrheit rechnet nun erst im Dezember mit der nächsten US-Leitzinserhöhung. In Europa bestimmten neben sozialen Unruhen vor allem die hohen Ölpreise das Geschehen. Weder die jüngste G7-Vereinbarung zur Freigabe strategischer Reserven noch wieder in Betrieb genommene Pipelines in Saudi-Arabien drückten die Preise spürbar. Zusätzliche politische Unsicherheit brachten die nach Massenprotesten angekündigten Neuwahlen in Spanien. Zugleich nährten soziale Proteste Zweifel an Frankreichs finanzpolitischer Stabilität. Die zunehmend angespannte Haushaltslage der „Grande Nation“ ließ die Zinsdifferenz zwischen deutschen und französischen Staatsanleihen (OAT) auf den höchsten Stand seit der Euro-Schuldenkrise steigen. Kurzzeitig entspannte sich die Lage an der Renditefront am Dienstag, nachdem der Front National von Marine Le Pen einen Schattenhaushalt mit Schuldenbremse und deutlichen Sparmaßnahmen vorgelegt hatte. Unterstützung erhielten Europas Aktienmärkte lediglich von der Tech-Stärke in Asien und den USA. Trotz erneut steigender US-Staatsanleiherenditen markierten der technologielastige NASDAQ Composite und der marktbreite S&P 500 am Dienstag neue Rekordhochs, getragen von Erwartungen eines rasant wachsenden KI-Geschäfts. Ab der Wochenmitte überwog jedoch die Vorsicht: Anhaltend hoher Renditedruck an den Staatsanleihemärkten traf auf deutlich steigende Ölnotierungen. Auslöser waren Berichte über eine mögliche erneute Eskalation des Iran-Kriegs noch vor den Midterms, was Trump in der Folge dementierte. Das mit Spannung erwartete Protokoll der jüngsten Fed-Sitzung fiel tendenziell taubenhaft aus. Demnach betrachten die meisten Fed-Vertreter eine weitere Zinserhöhung in diesem Jahr eher als Absicherung gegen künftige Inflationsrisiken. Im gestrigen Handel dämmten vereinzelt nachgebende Renditen die anfänglich größeren Verluste insbesondere an den europäischen Aktienmärkten etwas ein.
Aktien der Woche
US-Tech-Sektor trotzt Zinsdruck lange – KI-Impulse geben Auftrieb
Positive Vorgaben aus den USA mit neuen Rekordständen im NASDAQ Composite ließen den europäischen Technologiesektor zu Wochenbeginn zeitweise bis nahe an sein Allzeithoch aus dem Jahr 2000 steigen. Zuletzt bremsten jedoch weiter steigende Renditen den Aufwärtstrend. Neben überwiegend besser als erwartet ausgefallenen Geschäftszahlen (u.a. Micron, Samsung, TSMC-Umsatz) stützten Kooperationsankündigungen den US-Tech-Sektor bis zur Wochenmitte. Dazu zählte das Chipprojekt Terafab von Elon Musk und TSMC. Ein solider Umsatzausblick und die Aussicht auf eine hohe, von KI-Agenten wie Metas „Muse“ getriebene Halbleiternachfrage ließen die NVIDIA-Aktie am Dienstag auf ein Rekordhoch steigen. Zugleich bereiten mehrere Technologiekonzerne, darunter Broadcom, SpaceX, Oracle und NVIDIA, milliardenschwere Finanzierungsdeals mit KI-Entwicklern wie OpenAI und Anthropic für die benötigte Computerhardware vor. Der weltweite Ausbau der Rechenzentren hat damit einen Wettlauf um Kapital ausgelöst.
Kions Prognosekorrektur setzt Aktie unter Druck
Der Gabelstaplerhersteller Kion deutete zuletzt an, dass das bereinigte operative Ergebnis in 3Q26 um rund 7% unter den Markterwartungen liegen dürfte. Obwohl es keine formelle Ad-hoc-Mitteilung gab, wirkte die Nachricht auf die Märkte wie eine verkappte Gewinnwarnung. Bereits im Sommer hatte das Unternehmen das obere Ende der Spanne seiner Gewinnprognose für das Gesamtjahr 2026 nach unten angepasst. Sowohl das Geschäft mit Gabelstaplern als auch die Lagerautomatisierung schwächelten zuletzt aufgrund einer zögerlichen Investitionsbereitschaft in der europäischen Industrie. Zudem machen günstige Konkurrenten aus China (z.B. Hangcha oder Heli) den etablierten Anbietern mit aggressiver Preispolitik zu schaffen. Laut dem Branchenverband VDMA ist der Auftragseingang im Maschinen- und Anlagenbau im August um yoy 5% gesunken. Trotz einem Auftragsplus seit Jahresbeginn um yoy 4% fehle es laut Verbandangaben weiterhin an einer neuen Investitionsdynamik, die auf einen dauerhaften Konjunkturaufschwung hindeuten würde.
Schneider Electric-Aktie von PTC-Übernahme belastet
Schneider Electric übernimmt den US-Industriesoftwarehersteller PTC für 22,6 Mrd. USD in bar und will damit nach eigenen Angaben eines der größten Portfolios für Industriesoftware schaffen. Schneider Electric rechnet mit Kostensynergien von 25 Mio. € p.a. und jährlichen Umsatzzuwächsen von 800 Mio. €. Der Konzern hat 205 USD je Aktie in bar für PTC geboten, was einem Aufschlag von 42% gegenüber dem Schlusskurs vom 2. Oktober entspricht. Das PTC-Board hat beschlossen, den Aktionären die Annahme des Angebots zu empfehlen. Marktbeobachter äußerten sich kritisch zum hohen Übernahmepreis. Zudem verliere die Sparte Energy Management von Schneider Electric an Attraktivität, da die massive Kapitalallokation in den Bereich Industrial Automation konzernweite Auswirkungen und niedrige Bewertungs-Multiplikatoren zur Folge haben werde.
Renten-, Devisen- und Rohstoffmärkte
Die Staatsanleiherenditen diesseits und jenseits des Atlantiks blieben in den vergangenen Handelstagen volatil und unter zeitweise hohem Aufwärtsdruck. In Europa verstärkten vor allem die französischen Haushaltspläne die Sorgen: Die Regierung rechnet im kommenden Jahr mit einer Neuverschuldung von 5% des BIP, während die Staatsschuldenquote bereits bei 119% liegt. Am 2. Oktober war die Rendite 10-jähriger französischer Staatsanleihen mit 4,99% (7T: +3 Bp auf 4,89%) kurzzeitig auf ein 24-Jahres-Hoch gestiegen. Die Sparpläne des Front National sorgten anschließend nur vorübergehend für eine deutlichere Entspannung. Schon einen Tag später nahm der Aufwärtsdruck an den europäischen Staatsanleihemärkten mit Renditeanstiegen um zweistellige Bp-Beträge zeitweise wieder deutlich zu. Am gestrigen Tag sorgten Trumps Äußerungen in Richtung laufender Verhandlungen mit dem Iran und einer Absage an eine Eskalation vor den Midterms sowie erfolgreich verlaufene Staatsanleiheauktionen wieder für etwas Entspannung an der Renditefront. 10-jähriger Bundesanleihen notierten im 7-Tage-Vergleich um 1 Bp schwächer bei knapp 3,50%, während zweijährige Papiere um 5 Bp höher bei 3,11% rentierten. US-Treasuries erklommen bereits im Vorfeld der Fed-Minutes und im Zuge ansteigender Ölpreise neue mehrjährige Renditehochs – bei 10-jährigen Papieren von 5,36% (7T: -2 Bp auf 5,23%), bei 30-jährigen von 5,72%. Zweijährige Papiere notierten im 7T-Vergleich um 3 Bp tiefer bei 4,76%.
Der Euro wurde angesichts des schwindenden Marktvertrauens in die Beherrschbarkeit der französischen Haushaltsproblematik mehrmals in Richtung seines 17-Monats-Tiefs von 1,1160 gedrückt. Im 7T-Vergleich ermäßigte sich das Währungspaar EUR/USD um 0,3% auf 1,1211. Kryptowährungen wurden von hohen Renditen und geopolitischer Unsicherheit gebremst. So schwankte die Cyberdevise Bitcoin zuletzt bei Kursen um 82.000 USD (7T: -3,4%).
Höhere Rohölexporte aus dem Nahen Osten und die Freigabe von 100 Mio. Barrel aus den Notreserven der G7-Staaten drückten die Ölpreise nur vorübergehend. Neue Angriffe der Huthi-Rebellen auf saudische Ölanlagen, Förderkürzungen im Golf von Mexiko wegen herannahender Tropenstürme und die Gefahr einer erneuten Eskalation des Iran-Kriegs ließen den Preis der Nordsee-Ölsorte Brent im 7T-Vergleich um knapp 2% auf 104,28 USD je Barrel steigen.
Ein immer fester tendierender US-Dollar und der anhaltende Renditedruck an den Staatsanleihemärkten lasteten auf der zinslosen Feinunze Gold, die im Sieben-Tage-Vergleich um 1,1% auf 4.132 USD fiel.
Konjunkturzahlen der Woche
US-Stellenaufbau im September überraschend schwach – EWU-Inflationsrate steigt deutlicher als erwartet
Der US-Arbeitsmarkt hat im September mit einem schwachen Stellenaufbau von nur 29T (Vm. rev. 133T von 162T / Kons. 90T) außerhalb der Landwirtschaft überrascht. Die Arbeitslosenquote stieg auf 4,2% (Vm. & Kons. 4,1%). Laut unseren Volkswirten dürfte dies mehr ein Ausrutscher als ein neuer Trend sein. Die Wirtschaft wachse robust und der Lohnauftrieb halte sich in Grenzen. Die Fed könne sich voll auf ihr Inflationsmandat konzentrieren. Leichtes Stirnrunzeln bereite jedoch, dass sich Arbeitskräfte zunehmend vom Arbeitsmarkt zurückziehen. Allein mit der Demographie sei das nicht zu erklären.
Die Meldungen von der Preisfront im Euroraum bleiben trüb. So ist die Inflationsrate im September deutlicher als geschätzt um yoy 3,8% (Vm. +3,2% / Kons. +3,7%) gestiegen. Die Kerninflationsrate erhöhte sich erwartungsgemäß um 2,5% (Vm. +2,4%). Laut unseren Volkswirten wird wegen entlastender Maßnahmen mancher EWU-Staaten das Hoch beim Inflationsanstieg wohl bald bevorstehen. Die EZB dürfte die Leitzinsen weiter erhöhen.
Weitere Marktthemen im Fokus
Renditeanstieg belastet Staatsanleihemärkte
An den Anleihemärkten steigen die Renditen auf langjährige Höchststände. Bill Gross, Gründer von PIMCO, warnt etwa davor, dass hohe Schulden und anhaltende Inflation die Zinsen länger auf hohem Niveau halten und vor allem langlaufende Anleihen belasten könnten. Je länger die Laufzeit, desto stärker schlagen Zinsänderungen auf die Kurse durch. Der September war für US-Staatsanleihen der schlechteste Monat seit vier Jahren, die Rendite zehnjähriger Papiere stieg auf 5,30% – den höchsten Stand seit 2002. Der 32 Bill. USD schwere Markt für US-Staatsanleihen ist der Anker des globalen Finanzsystems, seine Turbulenzen dämpfen die Nachfrage nach Staatsanleihen weltweit. Seit Monaten dominieren Inflationssorgen, verstärkt durch den Energiepreisschock im Zuge des Iran-Kriegs. Zugleich wächst die Angst vor einer Überhitzung der US-Wirtschaft, die im zweiten Quartal annualisiert um 2,2% wuchs. Hohe Energiepreise und robuste Konjunktur nähren die Erwartung weiterer Fed-Zinsschritte und drücken die Kurse bestehender Anleihen. Die Fed hatte ihren Leitzins erst im September erstmals seit 2023 wieder angehoben. Ein weiterer Treiber der Renditen ist die steigende Staatsverschuldung, insbesondere in den USA, wo der Schuldenstand rund 40 Bill. USD erreicht hat. Versuche der US-Regierung, über verstärkte eigene Anleihekäufe die Renditen zu senken, hatten bisher nur vorübergehenden Erfolg. Mit Frankreich gerät nun ein europäisches Land mit eigener Haushaltsproblematik unter Druck. So erreichte die Zinsdifferenz (sog. Spread) zwischen 10-jährigen deutschen Bundesanleihen und französischen Staatsanleihen (OAT) jüngst ein neues Rekordhoch von knapp 160 Bp, womit die historischen Höchststände aus der EWU-Staatsschuldenkrise übertroffen wurden. Die rasanten OAT-Renditeanstiege griffen zuletzt auch auf weitere Eurozonenländer wie Spanien, Italien und Griechenland über.
Wochenausblick
Bei den Wirtschafts- und Unternehmensdaten stehen in der kommenden Woche die USA im Fokus: Zur Wochenmitte werden die Inflationszahlen mit dem Verbraucherpreisindex (CPI) veröffentlicht, gefolgt vom Produzentenpreisindex (PPI) am Donnerstag. Beide Datenpunkte sind zentral für die Einschätzung, ob die US-Notenbank ihren restriktiven Kurs beibehält oder erste Spielräume für eine spätere Lockerung entstehen. Parallel dazu laufen zahlreiche US-Konjunkturindikatoren und Stimmungsumfragen, die vor allem die Zins- und Laufzeitstruktur an den Anleihemärkten beeinflussen können. Zusätzlich beginnt die 3Q-Berichtssaison am kommenden Dienstag: Erste Zahlen großer US-Banken und Industrieunternehmen zeigen, wie gut höhere Zinsen, Kosteninflation und geopolitische Unsicherheiten verkraftet werden. Gewinnüberraschungen oder schwache Ausblicke können das Makro-Narrativ kurzfristig überlagern und sektorübergreifend Bewertungsanpassungen auslösen. In Europa stehen Industrie- und Handelsdaten an, die zeigen werden, ob sich die stagnationsgefährdete Konjunktur fängt. Ergänzt werden sie durch politische Termine in Brüssel, bei denen Haushaltsregeln und mögliche Investitionsprogramme diskutiert werden – Themen, die direkt auf Risikoaufschläge von Peripherieanleihen und den Euro wirken. Auch Sitzungen von Eurogruppe und ECOFIN in zeitlicher Nähe geben Hinweise zur fiskalischen Marschroute. In den Emerging Markets könnten Inflations- und Produktionsdaten aus Lateinamerika und Asien sowie einzelne Zinsentscheidungen kleinerer Notenbanken Bewegungen in lokalen Währungen auslösen. Über allem liegen latent geopolitische Risiken: Die Märkte reagieren sensibel auf Nachrichten aus den Konfliktregionen im Nahen Osten und in der Ukraine, ebenso auf Signale aus Washington und Peking zur Handelspolitik und zu Technologiesanktionen. In Summe ist die Woche ein wichtiger Test, ob das Narrativ einer „weichen Landung“ der Weltwirtschaft trägt – oder ob die Kombination aus hoher Kerninflation, politischen Spannungen und einer kritischen Berichtssaison die Volatilität wieder nach oben treibt.
Es handelt sich um einen Auszug des Wochenkommentars. Der vollständige Marktupdate, mit weiteren Grafiken und Tabellen, steht den Kunden der Bethmann HAL wöchentlich zur Verfügung.