
Mehr als nur KI: Das Jahr der Investitionen
Der KI-Boom dominiert die Märkte – doch die Chancen reichen weiter. Digitalisierung, Energiewende und neue Lieferketten treiben einen breiten Investitionszyklus in Realwirtschaft und Infrastruktur. Für Family Offices eröffnet diese Marktbreite Anlagechancen jenseits der großen Technologiewerte.
Seit Monaten dreht sich die Debatte an den Kapitalmärkten um eine einzige Frage: Wer profitiert am stärksten vom Aufstieg der künstlichen Intelligenz? Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass sich hinter dem KI-Boom eine wesentlich breitere Entwicklung abzeichnet. Mehrere strukturelle Investitionszyklen laufen erstmals seit Jahren parallel: künstliche Intelligenz, Energiewende, höhere Verteidigungsausgaben und der geopolitisch bedingte Umbau globaler Lieferketten. Zusammen lösen sie einen Investitionsschub aus, der weit über den Technologiesektor hinausreicht. Für Anleger wächst damit das Spektrum interessanter Unternehmen und Branchen. Diese größere Marktbreite könnte bis zum Jahresende zu einem entscheidenden Renditetreiber jenseits der großen Technologiewerte werden.
Die großen Hyperscaler investieren so viel wie nie zuvor – vor allem in Rechenzentren, Halbleiter, Stromnetze und digitale Infrastruktur. Allein die fünf größten US-Anbieter dürften 2026 rund 730 Milliarden US-Dollar ausgeben. Bis 2030 könnten sich die Investitionen rund um KI auf mehr als fünf Billionen US-Dollar summieren.
Der Blick allein auf Technologiewerte greift dennoch zu kurz. Die eigentliche Investmentstory des Jahres ist die sogenannte „Capex-Troika“ aus künstlicher Intelligenz, Energiewende und Verteidigungsausgaben. Sie treibt die Nachfrage nach Maschinen, Halbleitern, Stromnetzen, Industriemetallen und Logistikleistungen – und gibt zugleich dem Welthandel spürbare Impulse.
Das zeigt sich auch in den Handelsdaten. Im ersten Halbjahr 2026 wuchs der Welthandel um 5,5 Prozent und damit stärker als im bereits robusten Vorjahr. Nach Schätzungen der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) belief sich das globale Handelsvolumen in diesem Zeitraum auf rund 13,7 Billionen US-Dollar. Besonders gefragt waren Halbleiter, Rechenzentrumstechnik, elektrische Ausrüstung, Batterien und kritische Rohstoffe. Auch Maschinenbauprodukte und Basismetalle legten zu.
Geopolitische Spannungen haben diese Entwicklung bislang nicht gebremst. Im Gegenteil: Sie sind selbst zu einem wichtigen Investitionstreiber geworden. Unternehmen bauen neue Lieferketten auf, erhöhen ihre Lagerbestände und schaffen zusätzliche regionale Produktionskapazitäten. Nearshoring und das Streben nach mehr Widerstandsfähigkeit sorgen so für dauerhaft höheren Kapitalbedarf. Sicherheit gewinnt dabei gegenüber reinen Effizienzüberlegungen an Gewicht.
Für Aktienanleger ist vor allem die wachsende Marktbreite interessant. Anders als in früheren Technologiezyklen profitieren nicht nur wenige Mega Caps. Im ersten Halbjahr 2026 verzeichneten neben IT- und Energiewerten auch Industrieunternehmen, Finanzwerte und Grundstoffkonzerne zweistellige Kursgewinne. Die Ertragsdynamik erfasst damit immer mehr Sektoren.
Europa ist dafür ein gutes Beispiel. Die Region hat deutlich weniger Technologiegewicht als die USA oder Asien, kann aber mit einer überraschend positiven Gewinnentwicklung aufwarten. Im STOXX Europe 600 stiegen die Gewinne im zweiten Quartal ohne den Energiesektor um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zugleich nehmen positive Gewinnrevisionen sowohl bei einzelnen Unternehmen als auch auf Sektorebene in der Breite zu.
Auch die Konjunkturdaten passen in dieses Bild. Das deutsche Exportgeschäft profitiert von der Erholung des Welthandels. Die Exporte stiegen im ersten Halbjahr um 3,9 Prozent. Das bessere Ifo-Geschäftsklima deutet zudem auf mehr Zuversicht in der Industrie hin, während die Chemiebranche von einer stärkeren Nachfrage aus dem Ausland profitiert. Ein Vorbehalt bleibt allerdings: Ein Teil des höheren Auftragsvolumens dürfte auf vorübergehende Lieferengpässe bei internationalen Wettbewerbern zurückgehen.
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Bei global gehandelten Gütern lag die Inflation im zweiten Quartal 2026 bereits bei 5,1 Prozent
Die Kehrseite dieses Investitionsbooms zeigt sich jedoch bei der Inflation. Die globale Industrie expandiert, während eine steigende Nachfrage auf knappe Kapazitäten und anhaltende Lieferengpässe trifft. Bei global gehandelten Gütern lag die Inflation im zweiten Quartal 2026 bereits bei 5,1 Prozent. Besonders angespannt ist die Lage bei KI-Hardware, Halbleitern, Stromversorgung und Transportkapazitäten. Gleichzeitig verlängern sich Lieferzeiten und die Logistikkosten steigen wieder an.
Für institutionelle Anleger ergibt sich daraus ein vielschichtiges Bild. KI bleibt der wichtigste Wachstumsmotor, doch der Kreis der Profiteure wird größer. Digitalisierung, Energiesicherheit, Verteidigungsausgaben und widerstandsfähigere Lieferketten verbinden sich zu einem Investitionszyklus, der deutlich über reine Technologieaktien hinausgeht. Diese wachsende Marktbreite dürfte die Aktienmärkte in den kommenden Monaten maßgeblich prägen.
Das Anlagethema 2026 lautet daher nicht schlicht „KI oder nicht KI“. Wichtiger ist die Frage, welche Unternehmen vom globalen Investitionsboom profitieren, obwohl sie nicht zu den offensichtlichen Gewinnern zählen. Gerade abseits der bekannten Namen könnten in den kommenden Wochen interessante Renditechancen entstehen.