
Natur als unterschätztes Investmentrisiko
Unser Ernährungssystem ist stärker von der Natur abhängig, als Bilanzen erkennen lassen. Für Investoren entstehen daraus Risiken – aber auch Ansatzpunkte, um sie steuern zu können.
Wenn Sie einen Fonds halten, der in europäische Lebensmittelhändler oder Konsumgüterproduzenten investiert, sind Sie wahrscheinlich Natur- bzw. Biodiversitätsrisiken ausgesetzt – ohne das genaue Ausmaß zu kennen. Unternehmen, die auf natürliche Ressourcen und Rohstoffe angewiesen sind, sind mit steigenden Beschaffungskosten, Lieferengpässen, strengerer Regulatorik und Reputationsrisiken konfrontiert, da die biologische Vielfalt weltweit unter Druck steht.
Die Schlüsselrolle der Supermärkte
Supermärkte bestimmen, welche Produkte ins Sortiment aufgenommen werden, zu welchen Preisen sie angeboten werden und welche Standards dafür gelten. Die meisten von ihnen beziehen ihre Waren jedoch über viele Händler und Unterhändler, daher verändert eine Richtlinie auf Konzernebene nicht automatisch die Arbeitsweise der Landwirte. Dennoch verfügen
Supermärkte über erheblichen Einfluss und können wichtige Impulse für nachhaltigere Produktions- und Beschaffungsstandards entlang der gesamten Lieferkette setzen.
Einige Unternehmen sind bereits aktiv und haben ihren Fußabdruck in der gesamten Lieferkette analysiert und beispielsweise Rohstoffe identifiziert, die mit den größten Umweltrisiken verbunden sind. DieseTransparenz ist Voraussetzung für Veränderungen. Nur was gemessen wird, kann auch gesteuert werden. Das vorherrschende Einzelhandelsmodell – ausgerichtet auf Volumen, Bequemlichkeit und niedrige Preise – schränken jedoch den Handlungsspielraum vieler Händler ein. Umso wichtiger ist der Druck von außen auf die Branche, um den Wandel voranzutreiben.Engagement als Investmentfaktor
Zieht man alle Aspekte in Betracht, erkennt man einen Zielkonflikt: Der Verlust von Ökosystemen und biologischer Vielfalt vollzieht sich über Jahrzehnte, während Anlageportfolios in der Regel kurzfristig ausgerichtet sind. Genau deshalb ist Engagement heute so wichtig. Unternehmen, die bereits jetzt ihre Abhängigkeiten von Ökosystemen analysieren, werden deutlich besser aufgestellt sein, wenn der Druck durch Umweltveränderungen zunimmt. Engagement bedeutet nicht, darauf zu wetten, dass ein Verlust der Biodiversität schon im nächsten Quartal die Gewinne belastet. Vielmehr setzt es auf die Annahme, dass diejenigen Unternehmen langfristig erfolgreicher sein werden, die heute widerstandsfähige und nachhaltige Lieferketten aufbauen.
Ergebnisse eines solchen Engagements sind beispielsweise, dass die variable Vergütung von Führungskräften nicht mehr nur finanziellen Kennzahlen abhängt, sondern auch von Nachhaltigkeitszielen. Das zeigt, dass beharrlicher Dialog Unternehmen dazu bewegen kann, neue Wege einzuschlagen, die sie ohne diesen Impuls möglicherweise nicht gegangen wären.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Lebensmittelbranche naturbezogenen Risiken ausgesetzt ist, sondern ob sie diese Risiken erkennt und wirksam steuert."Zwischen dem Schutz der Artenvielfalt und Investitionen gibt es ein Spannungsfeld."
1 EOS at Federated Hermes, Annual Review 2024 – Carrefour biodiversity footprint engagement
2 2. Danone Executive Remuneration 2025: remunerationdanone2025eng.pdf