
Der Verlust der Biodiversität erhöht das Risiko neuer Pandemien
Interview mit Dr. Christof Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, darüber, dass der Artenverlust das unterschätzte Risiko unserer Zeit ist.
Dr. Christof Schenck setzt sich seit mehr als drei Jahrzehnten für den Schutz der Artenvielfalt ein. Der mehrfach ausgezeichnete Naturschützer beschäftigt sich mit dem wachsenden Druck auf Ökosysteme und den Folgen für unseren Planeten – vom Verlust der Biodiversität über den Klimawandel bis hin zu Pandemien.
Die meisten von uns verstehen den Klimawandel: Wir sehen, wie das Eis schmilzt und spüren steigende Temperaturen. Der Verlust der Biodiversität hingegen ist schwer greifbar. Wie beeinflusst er unseren Alltag?
Es ist bemerkenswert, wie wenig diese wichtige Entwicklung erkannt wird. Ohne Biodiversität würde menschliches Leben innerhalb kürzester Zeit enden. Ohne den Sauerstoff, den Pflanzen produzieren, könnten wir bestenfalls ein paar Sekunden überleben; ohne Wasser etwa drei Tage, ohne Nahrung ungefähr drei Wochen. Unter Wissenschaftlern gibt es ein Sprichwort: Der Klimawandel wird bestimmen, wie die Erde in Zukunft aussieht. Die Biodiversität wird bestimmen, ob wir überhaupt auf ihr leben können.
“Wir müssen Biodiversität in den Bilanzen sichtbar machen, wie es bei CO2 schon passiert. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung.”
Sie sagen, dass die Krisen miteinander verbunden sind: Biodiversitätsverlust, Klimawandel und Pandemien. Wie hängen die Zerstörung von Ökosystemen und Pandemien zusammen?
Diese Krisen verstärken sich gegenseitig. Der Klimawandel beschleunigt den Verlust der Biodiversität und umgekehrt. Wenn beispielsweise tropische Regenwälder ihre Artenvielfalt verlieren, können sie weniger CO2 speichern. Bereits heute haben sich Teile des Amazonas vom CO2-Speicher zum CO2-Emittenten entwickelt.
Pandemien sind durch den sogenannten Verdünnungseffekt miteinander verbunden. In vielfältigen Ökosystemen müssen Viren und Bakterien mit vielen verschiedenen Arten und Immunsystemen interagieren, was ihre Ausbreitung begrenzt. Wenn jedoch die Biodiversität abnimmt, gibt es weniger Arten, dafür viele Individuen – normalerweise Menschen und Nutztiere. Das schafft ideale Bedingungen für Viren, sich zu vermehren und auf den Menschen überzuspringen. Die Frage ist also nicht, ob es weitere Pandemien geben wird, sondern wann und wie schwerwiegend sie sein werden.Woher nehmen Sie angesichts dieser Entwicklungen Ihre Zuversicht?
Die Tatsache, dass Naturschutz wirkt, stimmt mich optimistisch. Wenn man auf den Manú- und den Purus National Park in Peru oder auf den Chiribiquete Nationalpark in Kolumbien blickt, sieht man riesige Gebiete, die bis heute weitgehend unberührt sind.
Aber es sind nicht nur die Schutzgebiete, sondern vor allem die Menschen: Ranger, Naturschützerinnen und -schützer sowie indigene Gemeinschaften, die sich Tag für Tag für ihre Heimat und deren Erhalt einsetzen.
Wir brauchen aber auf allen Ebenen entschlossenes Handeln. Jeder Einzelne kann im Alltag Entscheidungen treffen – beim Essen, Konsum oder bei der eigenen Lebensweise. Darüber hinaus sind strengere Regeln notwendig, die besonders zerstörerische Aktivitäten regelt, beispielsweise den Goldabbau im Amazonasgebiet, der ganze Ökosysteme gefährdet. Auch umweltschädliche Subventionen müssen eingestellt werden. Und wir müssen Biodiversität stärker in wirtschaftliche Entscheidungen einbeziehen – so, wie es bei CO2 und Klimaschutz schon geschieht. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung.Können Sie ein konkretes Projekt nennen, das zeigt, wie Biodiversität in der Praxis geschützt werden kann?
Der Gonarezhou Nationalpark in Zimbabwe. Das rund 5.000 Quadratkilometer große Schutzgebiet gilt heute als echte Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Bevor die Frankfurter Zoologischer Gesellschaft (FZS) dort aktiv wurde, hatten jahrelange Vernachlässigung, Elefantenwilderei, Drahtschlingenfallen und eine marode Infrastruktur dem Part stark zugesetzt. Heute hat sich der Park zu einem der bedeutendsten Gebiete für Wildtiere im südlichen Afrika entwickelt und beherbergt Nashörner, mehr als 11.000 Elefanten und 26 weitere bedrohte Tierarten.
Zudem speichert das Schutzgebiet große Mengen Kohlenstoff, dient als bedeutendes Wasserreservoir und sichert Hunderten Menschen Einkommen und Beschäftigung. Gleichzeitig wachsen die Einnahmen aus dem Ökotourismus.
Der Schutz einer Landschaft dieser Größenordnung erfordert erhebliche Ressourcen: Ranger, Kontrollposten, Flugzeuge und Fahrzeuge, Umweltbildungsprogramme sowie eine enge Zusammenarbeit mit lokalen Landwirten und Gemeinden. Genau darin liegt unsere Expertise.
Die Unterstützung von Unternehmen, Stiftungen und Privatpersonen bildet dabei das finanzielle Fundament. Dank dieses Engagements können Schutzmaßnahmen dauerhaft umgesetzt und einzigartige Naturräume für kommende Generationen bewahrt werden.Die Frankfurter Zoologische Gesellschaft is eine international tätige Naturschutzorganisation, die sich dem Schutz von Wildtieren und ihren Lebensräumen in Schutz- und Wildnisgebieten weltweit verschrieben hat. Sie engagiert sich in besonders artenreichen Regionen Mittel- und Osteuropas, Subsahara-Afrikas, Südamerikas sowie Südostasiens. Überall dort, wo Nationalparks und Wildnisgebiete Unterstützung benötigen, arbeitet die ZFS eng mit lokalen Gemeinden, Naturschutzbehörden, Nationalparkverwaltungen und anderen NGOs zusammen. Ziel ist es, bedrohte Ökosysteme langfristig zu erhalten und die biologische Vielfalt zu schützen. Mit ihrer philanthropischen Unterstützung leisten Spenderinnen und Spender einen direkten Beitrag zu dieser wichtigen Aufgabe.