
Wochenkommentar: Börsenstart in den Herbst – Kommt der September-Blues?
Die Aktienmärkte starteten schwach in die neue Börsenwoche. Im Zuge wieder steigender Ölpreise nach den ersten Angriffen des US-Militärs auf iranische Ziele seit Ende Juli flammten an den Finanzmärkten erneut Inflationssorgen auf. Zwar geht die Mehrheit der Marktteilnehmer bislang nicht von einer breiten und länger anhaltenden Eskalation des Nahostkonflikts aus. Dennoch nahm die Nervosität spürbar zu. Noch am vergangenen Freitag hatte der DAX die zuletzt deutlich restriktiver klingenden Aussagen von Fed-Chef Kevin Warsh ignoriert und mit 26.618 Punkten ein neues Rekordhoch markiert. In den darauf folgenden Handelstagen setzte jedoch eine Welle von Gewinnmitnahmen ein. Aus Sicht unserer Volkswirte enthielt Warshs Rede auf dem Notenbanktreffen in Jackson Hole zwar kaum neue Signale für die künftige Geldpolitik.
Gleichwohl dürfte sie Anleger dazu veranlassen, ihre bisherige Erwartung zu überdenken, wonach sich die US-Notenbank mit weiteren Zinserhöhungen noch Zeit lassen würde. An den Terminmärkten schnellte die Wahrscheinlichkeit einer geldpolitischen Straffung auf der Fed-Sitzung am 16. September in der Folge auf über 60% nach oben, nachdem sie zuvor lediglich bei ca. 40% gelegen hatte (Grafik Seite 4). Der Mix aus steigenden Marktzinsen, höheren Ölpreisen, anziehender Inflation und den jüngsten geopolitischen Spannungen verstärkte zur Wochenmitte den Verkaufsdruck vor allem auf technologie-orientierte US-Indizes sowie ausgewählte asiatische Börsen. Der verhaltene Start in den September untermauerte damit zunächst dessen Ruf als historisch schwacher Börsenmonat. Aussagen von US-Präsident Trump, die auf eine zeitlich begrenzte militärische Eskalation gegenüber dem Iran hindeuteten, sorgten temporär für eine Stabilisierung an den Finanzmärkten. Beim G20-Treffen in Asheville (North Carolina) bekräftigte US-Finanzminister Scott Bessent zugleich, dass Washington den wirtschaftlichen Druck auf Teheran weiter erhöhen werde. Zudem warb er bei den Teilnehmerstaaten um breite Unterstützung für die Initiative „Operation Economic Outcast“, mit der die USA die wirtschaftliche und finanzielle Isolation des Iran vorantreiben wollen.
Renten-, Devisen- und Rohstoffmärkte
Die als falkenhaft wahrgenommenen Aussagen von Fed-Chef Warsh ließen die Erwartungen an eine Leitzinserhöhung im September deutlich steigen. In der Folge erhöhten sich die Renditen von US-Staatsanleihen spürbar, insbesondere bei kurzen Laufzeiten. So rentierten 10-jährige US-Staatstitel auf Wochensicht um 9 Bp höher bei 4,77%, zweijährige Papiere sogar um 11 Bp fester bei 4,34%. Auch die Renditen deutscher Staatsanleihen zogen spürbar an, nachdem die Märkte die geopolitischen Risiken und die Folgen steigender Energiepreise neu bewerteten. Die jüngsten militärischen Spannungen zwischen den USA und Iran erhöhen zugleich den Druck auf die export- und energieintensive deutsche Wirtschaft, die mit Blick auf die bevorstehende Heizsaison vor zusätzlichen Unsicherheiten steht. Die Rendite 30-jähriger Bundesanleihen stieg am Mittwoch auf 3,84% und markierte damit den höchsten Stand seit 2011. Zehnjährige Bundesanleihen kletterten auf Wochensicht um 9 Bp auf 3,34% und erreichten ihr höchstes Niveau seit 15 Jahren. Zweijährige Papiere rentierten ebenfalls um 9 Bp fester bei 2,96%. Auch die Staatsanleiherenditen weiterer europäischer Staaten zogen deutlich an. So stieg die 10-jährige Rendite 10-jähriger französischer Staatstitel am Dienstag mit 4,21% auf das höchste Niveau seit Ende 2008.
Im Sog steigender Marktzinsen gewann der Greenback zuletzt temporär an Stärke. Das Währungspaar EUR/USD fiel vorübergehend unter die Marke von 1,16, notierte im 7-Tage-Vergleich aber nur um 0,2% leichter bei 1,1626.
Am Rohstoffmarkt sorgte die erneute militärische Eskalation zwischen Teheran und Washington in den zurückliegenden Handelstagen für deutlicher anziehende Ölnotierungen. Der Preis der Nordsee-Ölsorte Brent stieg im Wochenvergleich um 7,9% auf 95,52 USD je Barrel und näherte sich damit wieder der 100-USD-Marke an. Zusätzliche Impulse kamen von US-Präsident Trump, der ankündigte, mögliche Öllieferungen aus einem Abkommen mit Venezuela zur Wiederauffüllung der strategischen Ölreserven der USA nutzen zu wollen.
Steigende US-Renditen, ein fester Dollar und wachsende Zinserwartungen nach den Warsh-Aussagen belasteten den Goldpreis, der auf Wochensicht um 2,7% auf 4.473 USD nachgab. Eine zuletzt an den Kapitalmärkten verstärkt um sich greifende Vorsicht lastete auf dem Bitcoin, der jüngst wieder deutlich unter die Marke von 80.000 USD zurückfiel.
Konjunkturzahl der Woche
Teure Energie treibt Verbraucherpreise im Euroraum nach oben
Die Inflation in Deutschland ist im August erneut gestiegen. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich um yoy 2,9% (Juli +2,8% / Juni +2,3% / Kons. +3,0%). Treiber waren vor allem die gestiegenen Energiepreise infolge des wieder aufgeflammten Nahost-Konflikts sowie temporäre Belastungen durch das Niedrigwasser am Rhein. Energie verteuerte sich um yoy 7,5% (Vm. +8,3%). In Nordrhein-Westfalen lag der Preis für Heizöl zuletzt 34% über dem Vorjahresniveau, während sich Diesel um rund 36% und Benzin um 24% verteuerten. Nach Einschätzung unserer Volkswirte bleibt der Preisauftrieb damit hartnäckiger als geldpolitisch wünschenswert. Neben den Energiekosten dürften künftig auch die Nahrungsmittelpreise wieder stärker unter Druck geraten. Zudem könnten die Folgen von Hitzewelle und Niedrigwasser zusätzliche Kosten entlang der Lieferketten verursachen. Vor diesem Hintergrund bleiben Zweitrundeneffekte bei den Dienstleistungspreisen ein zentrales Risiko. Vieles spricht daher dafür, dass die Inflationsrate vorerst um die Marke von 3,0% verharrt. Die deutschen Daten untermauern zugleich die Argumente für eine weitere Zinserhöhung der EZB im September. Im Euroraum stieg die Inflationsrate erwartungsgemäß auf yoy 3,3% (Vm. +2,9%), die Kernrate lag bei 2,4% (Vm. & Kons. +2,5%). Die Energiepreise erhöhten sich dabei deutlich um yoy 14,3%.
Weitere Marktthemen im Fokus
Kann Frankreichs Schuldenberg für Europa gefährlich werden?
Lange Zeit wurde Frankreich als solider Schuldner angesehen, doch dieses Bild hat sich inzwischen gewandelt. Seit Mitte August notierten die Renditen 10-jähriger französischer Staatsanleihen meist oberhalb der Marke von 4,0% (vgl. Deutschland: 3,2%). Dies offenbart, wie stark inzwischen daran gezweifelt wird, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas ihre Staatsfinanzen in den Griff bekommt. Frankreichs Neuverschuldung lag zuletzt bei rund 5,0% der Wirtschaftsleistung, während in der Eurozone nach den Fiskalregeln 3,0% erlaubt sind. Dagegen liegt das historisch chronisch defizitäre Italien inzwischen bei 3,0%. Mit einer Schuldenquote von 116% steht Frankreich rechnerisch für Verbindlichkeiten, die mehr als einer vollständigen Jahresproduktion der Volkswirtschaft entsprechen. Die Quote stieg 2025 um weitere 4 Pp. an, davon fast 2 Pp. in 4Q25. Das Hauptproblem bei Frankreichs Schuldenlast liegt laut Ökonomen vor allem in den hohen Sozialausgaben. Das Land wendet fast 14% seiner Wirtschaftsleistung für Renten auf, einer der höchsten Werte in Europa. Während das reguläre Rentenalter in Deutschland bei 67 Jahren liegt, wurde es in Frankreich nach einer teilweisen Aussetzung der jüngsten Reform bis 2028 bei 62 Jahren und 9 Monaten festgeschrieben. Jeder Versuch, das französische Rentensystem zu ändern, löste bislang heftige Proteste in der Gesellschaft aus. Droht nun damit gleich eine Rückkehr der Euro-Schuldenkrise? Nach vorläufigen Eurostat-Zahlen von Juli liegt die Schuldenquote in der gesamten Eurozone bei 89% – ein hoher Wert, doch funktioniert die Finanzierung der Staaten geordnet, die Zinsabstände zwischen den einzelnen Staaten sind im historischen Vergleich moderat. Es zeigt sich aber eine Art Vertrauenskrise in Zeitlupe. Steigende Marktzinsen schlagen nur verzögert auf die Haushalte durch, doch je länger ein Land hohe Defizite anhäuft, desto größer wird das Problem der Refinanzierung. Die nächste Bewährungsprobe steht am 30. September mit dem neuen Haushaltsentwurf in der Nationalversammlung an. Das Ziel liegt bei knapp 5% Neuverschuldung. Wird der Plan nicht verabschiedet, könnte der Druck auf die französische Regierung und die Finanzmärkte weiter ansteigen.
Wochenausblick
In der Woche vom 4. bis zum 10. September treffen wichtige Konjunktursignale auf anhaltend hohe geopolitische Unsicherheit. Am heutigen Tag um 14:30 Uhr veröffentlicht die US-Statistikbehörde die Arbeitsmarktzahlen für den Monat August. Erwartet werden 55.000 (Vm. -23.000) zusätzliche Stellen. Am Montag folgen u.a. Daten zur deutschen Industrieproduktion im Juli. Mit Spannung werden Marktakteure am Donnerstag neben der EZB-Ratssitzung (erwartet wird mehrheitlich eine Leitzinserhöhung um 25 Bp.) auch auf die US-Erzeugerpreise (PPIs) blicken, die als ein wichtiger Frühindikator für die weitere Inflationsentwicklung und damit für den geldpolitischen Kurs der Fed gelten.
Politisch fällt die Woche in die Hochphase der 81. UN-Generalversammlung, die am 8. September in New York eröffnet wird. Frühe Reden und Signale zur Sicherheitspolitik, zum Klima und zu globalen Kooperationen könnten das Risikoempfinden der Märkte beeinflussen. Über allem steht jedoch unverändert der laufende Nahost Konflikt. Die wiederkehrenden Blockaden der Straße von Hormus haben laut der Internationalen Energieagentur (IEA) zur größten Angebotsstörung in der Geschichte des Ölmarkts beigetragen, mit massiv höheren Preisen für Öl, Gas und Düngemittel sowie einem erhöhten Risiko von Stagflation. Analysten erwarten, dass ein anhaltend hoher Energiepreis die globale Inflation länger auf einem erhöhten Niveau hält und damit Spielräume für die Zentralbanken für Leitzinssenkungen deutlich einschränkt. Damit könnten auch die kommenden Wochen zu einem Test für die Kapitalmärkte werden, wie sie die Kombination aus potenziell starken US-Daten und einem fragilen, durch den Nahost-Konflikt belasteten Energie- und Inflationsumfeld einpreisen.