
Wochenkommentar: Old Economy-Indizes trotzen Gegenwind für Tech-Aktien
Die Entwicklungen an den Anleihemärkten und bei den Energiepreisen lasteten jüngst nicht mehr ganz so stark auf dem Markt-Sentiment, wie dies noch in den Vorwochen der Fall war. US-Präsident Donald Trump erklärte am Wochenende eine politisch umstrittene "Energie-Waffenruhe" im ukrainisch-russischen Krieg und traf eine Vereinbarung zur Lieferung russischen Diesels in die USA und den Weltmarkt. Temporäre Rückgänge bei den Ölpreisen währten jedoch nur kurz, da neue Angriffe der Huthi-Rebellen auf saudi-arabische Ziele und Tankerangriffe der iranischen Revolutionsgarden in der Straße von Hormus erneut Versorgungsängste schürten. Doch schien sich die Entwicklung an den Anleihe- und Energiemärkten zuletzt etwas zu entkoppeln. Die jüngsten Rendite-Hochstände wurden vorerst nicht erneut getestet. Während in Europa u.a. eine Einigung mit China über Exportbeschränkungen für Hybridautos die Marktstimmung aufhellte, starteten die Wall Street und die ostasiatischen Börsenplätze angesichts deutlicher Kursrückgänge bei Technologieaktien schwach in die Handelswoche. So nährten Berichte über die Entwicklung leistungsfähiger KI-Chips aus China Bewertungssorgen bei Halbleitertiteln. Ab Dienstag kam mit dem Start in die US-Berichtssaison ein weiterer Impulsgeber für die Märkte hinzu. Dank der robusten Verfassung der US-Wirtschaft und anhaltender KI-Euphorie sind die Gewinnerwartungen zuletzt gestiegen: Für 3Q26 wird im Schnitt mit einem Gewinnwachstum um rund 35% ggü. Vorjahr gerechnet (Quelle: Factset), insbesondere getragen von den Sektoren Energie (Nahost-Sonderkonjunktur) und Technologie. Das Zahlenwerk der traditionell als Auftaktgeber fungierenden US-Großbanken überraschte allerdings mit Licht und Schatten. Zwar erzielten sie dank der anhaltend starken Konsumnachfrage und einem boomenden Handelsgeschäft weiterhin hohe Gewinne, warnten jedoch vor Gewinnschmälerungen angesichts steigender Zinsen im Anleihe-handel. Den höher als erwarteten Anstieg der US-Inflation werteten Anleger als Signal für mögliche weitere Zinserhöhungen, was besonders die Aktien der stark finanzierungsabhängigen Technologiekonzerne unter Druck setzte.
Renten-, Devisen- und Rohstoffmärkte
Die Entspannung in Form weiter gesunkener Renditen setzte sich an den Staatsanleihemärkten diesseits und jenseits des Atlantiks fort. Nachdem der Anleihehandel in den USA wegen des "Columbus Day" am Montag pausiert hatte, ging es mit den Renditen zunächst kräftig nach unten - im Zehnjahresbereich bis auf 5,19%. Hier dürften Marktakteure zugegriffen haben, um sich das hohe Zinsniveau zu sichern. Nach höher als erwarteten US-Inflationsdaten für September stiegen die Marktzinsen nur temporär deutlicher an, im Falle 10-jähriger US-Treasuries in Richtung der jüngsten Hochs über 5,30%. So waren die Wetten der Anleger auf weitere Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed vorübergehend deutlicher angesprungen. Im 7T-Vergleich sank die Rendite 10-jähriger US-Treasuries jedoch mit 5,06% (-17 Bp) auf den niedrigsten Stand seit 3 Wochen, während 2-jährige Papiere nur um 2 Bp tiefer bei 4,74% rentierten. Vor Beginn der Haushaltsdebatte in der Nationalversammlung kamen die Renditen französischer Staatstitel von den jüngsten Renditehochs deutlicher zurück, was auch auf weitere Länder der Eurozone abfärbte. Der Haushaltsentwurf der Mitte-Rechts-Regierung von Premierminister Lecornu sieht Einsparungen von rund 45 Mrd. € vor. Insgesamt soll das Defizit auf 5,0% der Wirtschaftsleistung begrenzt werden. Die Rendite 10-jähriger OATs gab im 7T-Vergleich um knapp 11 Bp auf 4,79% nach. 10-jährige Bundesanleihen notierten im 7-Tage-Vergleich um 8 Bp schwächer bei knapp 3,41%, während zweijährige Papiere nahezu unverändert bei 3,11% rentierten.
Im Nachgang zu den US-Inflationsdaten tendierte der Greenback zunächst weiter zur Stärke – das Währungspaar EUR/USD liebäugelte zwischenzeitlich mit der Marke von 1,11, notierte im 7-T-Vergleich aber um 0,1% höher bei 1,1220. Die Cyberdevise Bitcoin stieg in diesem schwankungsreichen Umfeld im gleichen Zeitraum um 0,3% auf 82.011 USD.
Der europäische Gaspreis (TTF-Terminkontrakt in Rotterdam) ist wegen der anhaltenden Versorgungsengpässe aus der Golfregion mit knapp 87,00 Euro je Megawattstunde (MWh) auf den höchsten Stand seit Dezember 2022 gestiegen. Weil Exporte beeinträchtigt sind, konkurrieren Europa und Asien um verfügbare Mengen. Anhaltende Versorgungsängste hielten die Rohölpreise deutlich oberhalb der 100 USD-Marke. Der Preis der Nordsee-Ölsorte Brent verteuerte sich im 7T-Vergleich um 1,6% auf 105,92 USD je Barrel.
Nach höher als erwarteten US-Teuerungsdaten geriet die zinslose Feinunze Gold unter Druck, erholte sich aber im Nachgang in einem sich wieder etwas beruhigenden Zinsumfeld. Im 7T-Vergleich stieg sie um 0,9% auf 4.171 USD.
Konjunkturzahlen der Woche
US-Verbrauchervertrauen fällt im Oktober – Teuerungsraten steigen im September deutlicher als erwartet
Die Stimmung der Verbraucher in den USA hat sich im Oktober stärker als erwartet eingetrübt. Das von der Universität Michigan erhobene Konsumklima fiel laut der am Freitag veröffentlichten ersten Schätzung um 1,8 Punkte auf 46,3 Punkte. Volkswirte hatten mit einem Rückgang auf 47,6 Punkte gerechnet. Die Verbraucher bewerteten die aktuelle Lage deutlich schlechter als noch im Vormonat. Die Erwartungen hellten sich hingegen etwas auf.
Die vom Ölpreisschock getriebene Inflation ist in den USA noch stärker als erwartet auf dem Vormarsch. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im September um yoy 3,7% (Vm. +3,4% / Kons. +3,6%). Aber auch der KI-Ausbau trug dazu bei, die Preise für Computer und andere Verbrauchertechnologie so schnell wie seit Jahren nicht mehr in die Höhe zu treiben. In der Kernrate (ohne schwankungsanfällige Energie- und Lebensmittelpreise) stiegen die Verbraucherpreise um yoy 2,6% (Vm. +2,4% / Kons. +2,5%).
Weitere Marktthemen im Fokus
Fremdfinanzierter KI-Boom birgt wachsende Schuldenrisiken
Der weltweite Ausbau von Rechenzentren treibt den Kapitalbedarf der Tech-Branche auf Rekordniveau. Laut Medienberichten lotet etwa Broadcom eine Finanzierung von mehr als 50 Mrd. USD für einen gemeinsam mit OpenAI entwickelten KI-Chip aus. Als Geldgeber kommen u.a. Finanzinvestoren wie Apollo und Blackstone infrage. Auch Oracle verhandelt über Mittel für umfangreiche Chipkäufe, während SpaceX rund 40 Mrd. USD über Kredite und Anleihen aufnehmen will, um Nvidia-Chips zu finanzieren.
Der Rückgriff auf Private Equity, Fremdfinanzierung und Leasing zeigt, dass sowohl die Cashflows der Konzerne als auch der klassische Anleihemarkt an Grenzen stoßen. Gleichzeitig wollen KI-Anbieter wie OpenAI und Anthropic mehr eigene Rechenkapazität aufbauen, um Kosten und Abhängigkeiten zu senken. Damit steigt der Finanzierungsdruck zusätzlich.
Marktexperten warnen bereits vor langfristigen Schuldenlasten: Verzögern sich Projekte oder KI-Umsätze, müssen Zins- und Leasingverpflichtungen bereits vor produktiven Erträgen bedient werden. Steigende Kreditkosten erhöhen insbesondere für hochverschuldete und kapitalintensive Unternehmen das Risiko von Cashflow-Problemen und Ratingherabstufungen. Zugleich konkurriert der enorme Kapitalbedarf der Branche zunehmend mit der staatlichen Schuldenaufnahme und könnte so das Zinsniveau am Anleihemarkt weiter nach oben treiben.
Wochenausblick
Am heutigen Tag und in der kommenden Woche dürfte das Marktgeschehen von Konjunkturdaten und der an Fahrt gewinnenden Berichtssaison geprägt werden. Im Fokus stehen Inflations-, Industrie- und Arbeitsmarktsignale aus den USA und Europa sowie Wachstums-, Einzelhandels- und Investitionsdaten aus China. Sie zeigen, wie robust die Weltwirtschaft trotz hoher Finanzierungskosten und Energiepreise bleibt.
Die Berichtssaison gewinnt zugleich an Breite: Nach den US-Banken rücken Industrie-, Technologie-, Konsum- und Gesundheitskonzerne in den Vordergrund. Mitbestimmend für Reaktionen der Marktakteure dürften neben Umsatz und Gewinn vor allem Margen, Finanzierungskosten, KI-Investitionen und die Nachfrage in China sein. Angesichts der insbesondere hohen Bewertungen im Technologiesektor dürfte die Toleranz für verfehlte Erwartungen oder schwache Ausblicke gering bleiben. So dürfte von Marktteilnehmern mit Spannung verfolgt werden, ob sich die Verkaufswelle im Technologiesektor fortsetzt.
Reguläre Zinsentscheidungen von Fed und EZB stehen in der kommenden Woche zwar nicht an, doch Reden von Notenbankvertretern könnten die Erwartung prägen, ob eine Zinspause auf die jüngsten Leitzinserhöhungen folgt oder der Inflationsdruck weitere Straffungen erfordert. Entsprechend sensibel bleiben Staatsanleihen, Wachstumswerte und der Euro-Dollar-Kurs.
Politisch richtet sich der Blick auf die europäischen Haushaltsdebatten, insbesondere auf Frankreich, sowie auf Handelsfragen zwischen der EU und China. Geopolitisch bleibt der Nahostkonflikt der wichtigste kurzfristige Risikofaktor: Eine Entspannung könnte Ölpreise und Inflationssorgen dämpfen, neue Angriffe auf Energieanlagen oder Schifffahrtswege dagegen Renditen und sichere Häfen steigen lassen. Auch der Ukraine-Krieg bleibt über Energieversorgung und mögliche Risikoaversion marktrelevant. So hatte erst gestern der russische Präsident Wladimir Putin angekündigt, die Ukraine für Angriffe auf den russischen Energiesektor zur Rechenschaft zu ziehen. Er könnte damit faktisch den von US-Präsident Trump jüngst ausgerufenen Energie-Waffenstillstand bereits wieder aufgekündigt haben.
Es handelt sich um einen Auszug des Wochenkommentars. Der vollständige Marktupdate, mit weiteren Grafiken und Tabellen, steht den Kunden der Bethmann HAL wöchentlich zur Verfügung.