
Nach starken US-Arbeitsmarktdaten und trotz positiver Vorgaben aus Asien verlief der Wochenauftakt an Europas Börsen verhalten. Die Wall Street blieb am Montag feiertagsbedingt geschlossen. Im Fokus steht die US-Notenbank: Fed-Chef Kevin Warsh muss kommende Woche über eine mögliche Zinserhöhung entscheiden, obwohl US-Finanzminister Scott Bessent zuletzt angekündigt hatte, die Staatsfinanzierung stärker über kurzlaufende Anleihen abzuwickeln. Höhere Leitzinsen würden die Finanzierungskosten des Staates unmittelbar erhöhen. US-Präsident Donald Trump fordert dagegen niedrige Zinsen und droht andernfalls mit weitreichenden Handelsbeschränkungen gegenüber Ländern mit Handelsdefiziten gegenüber den USA. Ein solcher Schritt dürfte den Inflationsdruck allerdings zusätzlich verstärken.
Für Auftrieb bei den Energiepreisen sorgten vor allem die verschärften Spannungen im Nahen Osten. Nach gegenseitigen Angriffen der USA und des Iran auf Tank- und Kriegsschiffe im Golf sowie Attacken der vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen auf saudische Ölanlagen kündigte Teheran die Einrichtung einer Sperrzone außerhalb der Straße von Hormus an. Marktbeobachter werten den Konflikt zunehmend nicht mehr als kurzfristige Störung, sondern als längerfristigen Risikofaktor für die Finanzmärkte.
Die damit verbundenen Inflationssorgen nährten zugleich die Spekulation auf weitere Zinsschritte der Notenbanken. Die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung am nächsten Mittwoch lag zuletzt bei rund 60 % und damit etwa auf dem Niveau der Vorwoche, temporär waren sogar 70 % eingepreist. Die EZB hob ihre Leitzinsen bei der gestrigen Ratssitzung wie erwartet zum zweiten Mal in diesem Jahr um 25 Bp an. In seinen Projektionen rechnet der EZB-Rat für 2026 mit einer jährlichen Teuerungsrate von 3,0% (EZB-Zielwert: 2,0%). Ab der Wochenmitte gerieten vor allem Standardwerte und Leitindizes wie DAX und Dow Jones unter Druck, belastet von weiter steigenden Energiepreisen in Folge der zunehmenden Angriffe entlang wichtiger Schifffahrtsrouten.
Renten-, Devisen- und Rohstoffmärkte
Die Staatsanleiherenditen in der Eurozone zogen im Vorfeld der EZB-Ratssitzung trotz bereits vollständig eingepreister Zinserhöhung um 25 Bp weiter an, getrieben von steigenden Ölpreisen. Mit ihrer erneuten Straffung will die EZB verhindern, dass die durch hohe Energiekosten angeheizte Inflation über Zweitrundeneffekte dauerhaft auf die Breite der Wirtschaft übergreift. Die Rendite 10 jähriger Bundesanleihen stieg im 7-Tage-Vergleich bis Donnerstagabend um 16 Bp auf 3,50%, während zweijährige Papiere sogar um 28 Bp höher bei rund 3,24% rentierten. Auch die US-Staatsanleiherenditen setzten ihren steilen Aufwärtstrend fort. 10-jährige US-Treasuries rentierten auf Wochensicht um 20 Bp fester bei 4,96% und damit nur noch knapp unter der Marke von 5,0%, während zweijährige Papiere sogar um 25 Bp fester bei 4,59% notierten.
Nur temporär erhielt der Euro Rückenwind von der Leitzinserhöhung der EZB. Das Währungspaar EUR/USD sank im 7-Tage-Vergleich moderat um 0,1% auf 1,1612. Vor den mit Spannung erwarteten US-Inflationszahlen fiel der Kurs der Kryptowährung Bitcoin mit wachsender Risikoscheu deutlich unter der Marke von 80.000 USD. Geringer als erwartete US-Teuerungsraten könnten aber den Druck für eine straffere Geldpolitik verringern und eine Preiserholung der Cyberdevise begünstigen, hieß es am Markt.
Die anhaltende militärische Eskalation zwischen Teheran und Washington sorgte zuletzt für deutlicher anziehende Öl- und Gasnotierungen. Der weitere Anstieg gründete u.a. auch auf Angriffen der jemenitischen Huthi-Miliz auf Saudi-Arabien. Das größte Ölförderland in der Golfregion stoppte daraufhin die Produktion in einigen Anlagen nahe der Grenze zum Jemen. Der Preis der Nordsee-Ölsorte Brent übersprang Mitte der Woche wieder die 100-USD-Marke, nachdem an den Märkten die Befürchtungen vor einer Unterbrechung der Öllieferungen aus der Nahost-Region zunahmen. Im Sieben-Tagevergleich verteuerte sie sich gar um 13% auf knapp 108 USD je Barrel. Der Gasspeicherverband Ines warnte jüngst angesichts historisch niedriger Füllstände von nur 53% (Vj. 71%) vor Engpässen bei der Erdgasversorgung im kommenden Winter. Der entsprechende TTF-Future (1M) im niederländischen Rotterdam stieg bis Donnerstag auf über 80,00 Euro pro Megawattstunde (MWh) – der höchste Stand seit Ende 2022. Der Kupferpreis markierte, angetrieben von Angebotsrisiken und hoher Nachfrage (u.a. durch Elektromobilität, Stromnetzausbau, KI Rechenzentren, Robotik) jüngst ein neues Allzeithoch von 14.768 USD/Tonne.
Stark steigende US-Renditen und die Marktspekulationen auf eine US-Leitzinsanhebung lasteten auf der zinslosen Feinunze Gold, die auf Wochensicht um 3,5% auf 4.318 USD nachgab. Anhaltende Käufe von Privatanlegern, institutionellen Investoren Notenbanken angesichts des schwinden Vertrauens in das US-Finanzsystem stützten zuletzt etwas den Preis des Edelmetalls.Konjunkturzahl der Woche
US-Arbeitsmarkt im September mit überraschender Stärke
Im August schuf die US-Wirtschaft 162.000 neue Stellen und damit fast dreimal so viele wie von Experten erwartet (Kons. 55.000). Zudem wurden die Zahlen für Juni und Juli um insgesamt 55.000 Jobs nach oben korrigiert. Die Arbeitslosenquote verharrte bei 4,1%. Nach dem stärker als erwartet ausgefallenen Stellenaufbau am US-Arbeitsmarkt im August nahmen die Wetten auf eine Zinserhöhung der US-Notenbank Fed zu. Laut unseren Volkswirten geben die jüngsten US-Arbeitsmarktdaten eher den Ausschlag für die Fed, den Leitzins zu erhöhen. Fed-Chef Kevin Warsh sehe den Arbeitsmarkt im Großen und Ganzen ohnehin als recht stabil an. Für die Fed sei die hartnäckig über dem Zielwert verharrende Inflation aktuell das größte Problem. Das Zünglein an der Zinswaage dürften die anstehenden Erzeuger- und Verbraucherpreise sein.Weitere Marktthemen im Fokus
Ist ein Kaufzwang für US-Staatsanleihen realistisch?
Hinter den jüngsten kryptischen Äußerungen von US-Präsident Donald Trump zur Rolle von Finanzminister Scott Bessent bei milliardenschweren Rückkäufen von US-Staatsanleihen erkennen Marktteilnehmer erneut einen ernsten Hintergrund. Angesichts der hohen Staatsverschuldung wächst die Sorge, dass die USA versuchen könnten, ihre Schuldenlast der Welt direkt oder indirekt aufzubürden. Der Schuldenberg ist auf 40 Billionen US-Dollar und damit auf den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten gestiegen. Mit 126% der Wirtschaftsleistung erreicht auch die Schuldenquote den höchsten Wert seit dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig hat das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit der USA unter dem Eindruck von Trumps Politik gelitten, was sich zuletzt in deutlich gestiegenen Renditen von US-Staatsanleihen widerspiegelte. In Finanzkreisen macht daher zunehmend die Sorge vor einer „finanziellen Repression“ die Runde. Laut einem Bericht der „Financial Times“ prüft die US-Regierung Möglichkeiten, die Nachfrage nach Staatsanleihen durch regulatorische Vorgaben oder andere Maßnahmen zu stärken. Steuererhöhungen oder Ausgabenkürzungen erscheinen Trump mit Blick auf die nahenden Zwischenwahlen politisch wenig attraktiv. In Ansätzen setzt Bessent die neue imperiale Finanzstrategie der USA bereits um, in dem er etwa Japan zu Ausgabenkürzungen und Leitzinsanhebungen drängt, denen sich Washington selbst verweigert. Diese Doppelmoral nimmt Züge einer Außenpolitik an, die auf finanziellem Zwang fußt. So wäre etwa auch denkbar, dass Banken künftig einen bestimmten Anteil ihres Kapitals in US-Staatanleihen investieren müssen, wenn sie am US-Finanzmarkt Geschäfte machen wollen. Kapitalkontrollen könnten den Verkauf von US-Treasuries verbieten. Auch offene Erpressung gegen Länder ist nicht auszuschließen – etwa Gewährung militärischen Schutzes gegen Verlängerung von Kreditlinien. Die Sorgen vor finanzieller Repression der USA sind real. Schon 2025 hatte Bessent vielsagend von einer „großen wirtschaftlichen Neuordnung“ der Welt gesprochen und bereits kurz vor Trumps Amtsantritt entwarf sein zwischenzeitlicher Chefökonom Stephen Miran eine "Anleitung zur Restrukturierung des globalen Handelssystems".Wochenausblick
Makroökonomisch stehen am heutigen Tag die US-Inflationsdaten (CPI) für den August im Fokus. Diese könnten Hinweise darauf geben, ob die Fed ihren geldpolitischen Kurs zeitnah anpasst. Darüber hinaus steht das von der Uni Michigan erhobene Verbrauchervertrauen im September auf der Agenda. Für Deutschland und die Eurozone stehen entsprechende ZEW-Daten am Dienstag an. Für China werden am selben Tag die Industrieproduktion und die Einzelhandelsumsätze für August veröffentlicht, zwei wichtige Indikatoren angesichts der schwächelnden chinesischen Wirtschaft. Im Vereinigten Königreich könnten Arbeitsmarktdaten und Inflationszahlen am Mittwoch den Kurs der Bank of England beeinflussen. Auf Notenbankenseite steht als wichtigster Termin der Woche die Fed-Sitzung am Mittwochabend auf der Agenda. Mehrheitlich wird angesichts der steigenden Teuerungsraten und der noch immer robusten Verfassung der US-Wirtschaft mit einer Leitzinsanhebung um 25 Bp gerechnet. Geopolitisch bleibt die Lage angespannt. Die Spannungen zwischen Iran und den USA rund um das Atomabkommen und mögliche Sanktionen gegen iranische Öl Exporte könnten die Rohstoffmärkte beeinflussen, insbesondere neue diplomatische Schritte bekannt gegeben werden. Auch der Ukraine-Krieg bleibt ein zentraler Faktor für die europäischen Märkte. Politisch läuft in den USA derzeit eine Debatte im Kongress zur Fiskalpolitik, die potenziell die Risikobewertung der Märkte beeinflussen kann und eng mit dem neuen Haushalts-Fristdatum am 11. Dezember verknüpft ist. Anfang September verabschiedete der US-Kongress eine parteiübergreifende Übergangsfinanzierung, die einen drohenden Regierungsstillstand vor den Midterm-Wahlen im November abwendet.
Es handelt sich um einen Auszug des Wochenkommentars. Der vollständige Marktupdate, mit weiteren Grafiken und Tabellen, steht den Kunden der Bethmann HAL wöchentlich zur Verfügung.