Javascript is requiredWochenkommentar: Börsen zwischen Rekorden, Zinsen und Krisen
Künstlerische Collage von Bethmann HAL mit antiken Skulpturen, abstrakten Formen, Zahlen, Linienzeichnungen und grafischen Elementen in hellen Beige-, Grau- und Gelbtönen.

Wochenkommentar: Börsen zwischen Rekorden, Zinsen und Krisen

Die Aktienmärkte bewegten sich in den vergangenen Tagen in einem Spannungsfeld aus KI-Fantasie, geopolitischer Unsicherheit und der Suche nach Orientierung an den Anleihe- und Rohstoffmärkten. Am Freitag präsentierten sich die europäischen Börsen noch robust: Die Leitindizes notierten nahe ihren Höchstständen, getragen von soliden Unternehmensgewinnen und einer widerstandsfähigen Konjunktur. Der EuroStoxx 50 spiegelte einen Markt wider, der ambitioniert bewertet war, aber noch nicht von breiten Gewinnmitnahmen geprägt wurde. Zu Wochenbeginn kippte die Stimmung jedoch spürbar. Steigende Renditen langlaufender Staatsanleihen rückten in den Fokus und nährten die Sorge, dass die Phase günstiger Finanzierungsbedingungen auslaufen könnte. Gleichzeitig rückte der Anstieg der Ölpreise die Inflationsrisiken wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit und verschärfte die Diskussion über die weitere Linie der Zentralbanken. Hinzu kam die Eskalation des Iran‑Kriegs: Die Märkte preisten verstärkt die Gefahr einer Ausweitung des Konflikts und möglicher Beeinträchtigungen wichtiger Energie- und Handelsachsen ein. In den USA verlief die Entwicklung ähnlich, allerdings mit deutlicher sektoraler Trennung. Standardwerte hielten sich vergleichsweise stabil, während Technologieaktien zeitweise unter Druck standen. Dies verdeutlicht die Nervosität gegenüber zinssensiblen Geschäftsmodellen. Für Aufmerksamkeit sorgte zudem ein spektakuläres Ereignis im Biotech‑Sektor: Nach einer erfolgreichen Studie von Moderna und Merck & Co zu einem Melanom‑Impfstoff legten beide Aktien deutlich zu. Der Markt zeigte damit, dass medizinische Durchbrüche und überzeugende Zukunftsperspektiven selbst in einem vorsichtigeren Umfeld erhebliche Kursfantasie entfalten können. Etwas Entspannung brachte die Ankündigung des US‑Finanzministeriums, Rückkäufe von Staatsanleihen auszuweiten und so den Renditeanstieg am langen Ende der Kurve zu bremsen. Per Saldo stand die Aktienmarktentwicklung in dieser Woche für eine fragile Balance zwischen KI-Fantasie und selektiven Rekorden auf der einen sowie geopolitischen Risiken und Zinsängsten auf der anderen Seite.

Renten-, Devisen- und Rohstoffmärkte

 

Seit Montag prägten zunächst hohe Renditen, ein schwächerer Dollar sowie Bewegungen bei Öl, Gold und Kryptos das Marktgeschehen. Der Eingriff des US‑Finanzministeriums am Anleihenmarkt setzte dann neue Akzente.

Zunächst stiegen die Renditen langlaufender Staatsanleihen weltweit auf Dekadenhochs: Die 30‑jährige US‑Rendite erreichte am Dienstag rund 5,3 %, den höchsten Stand seit 2007.  Zehnjährige Bundesanleihen lagen bei gut 3,2 %, Japan bei knapp 3 %. Treiber waren hohe Ölpreise, Inflationssorgen und der wachsende US‑Schuldenberg. Am Mittwochnachmittag setzte Washington dann ein bemerkenswertes Signal: Das Finanzministerium verdoppelt die Rückkäufe langlaufender US-Treasuries von zwei auf mindestens 4 Mrd. USD je Operation. Gemessen an den Staatsschulden von nahe 40 Billionen USD ist das Volumen begrenzt, doch die Botschaft ist klar: Steigen Langfristrenditen zu stark, greift die Regierung aktiv ein – eine Rolle, die traditionell der Fed zugeschrieben wird. Prompt fiel die Rendite 30‑jähriger US‑Anleihen um rund 20 Basispunkte auf etwa 5,19 %, auch zehn- und zwanzigjährige Laufzeiten gaben nach. Die unmittelbare Folge: Entlastung an den Zinsmärkten und die Erwartung weiterer potenzieller Eingriffe. Die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihen stieg auf Wochensicht um 13 Basispunkte auf 3,259 %.

Das Währungspaar EUR/USD bewegte sich seit Montag in einer Spanne zwischen 1,157 und 1,171 und notiert aktuell knapp unter der oberen Marke. Mit dem Renditerückgang geriet der Dollar spürbar unter Druck, da sich der Zinsabstand zur Eurozone verringerte. Das stützte den Euro und verschob das Bild in Richtung eines etwas festeren EUR/USD, getrieben vor allem von Zins- und Politiksignalen aus Washington.

Die Nordsee-Ölsorte Brent notierte am Donnerstag bei knapp 94 USD je Barrel und damit am oberen Ende der jüngsten Handelsspanne. Angebotsrisiken aufgrund der weiterhin blockierten Straße von Hormus sowie eine robuste Nachfrage schürten Inflationssorgen und trugen maßgeblich zum vorherigen Renditeanstieg bei. Damit bleibt der Ölpreis ein wesentlicher Faktor für die weitere Entwicklung von Inflation und Zinserwartungen.

Gold notierte zu Wochenbeginn zunächst seitwärts. Der plötzliche Rückgang der Renditen und der schwächere Dollar infolge des Eingriffs der Trump-Regierung wirkten nun doppelt positiv: Die Opportunitätskosten sinken, der Währungsrückenwind steigt. Gold gewann daraufhin 3,8 % auf 4.516 USD je Feinunze und markierte den höchsten Stand seit Anfang Juni. Parallel sprang Bitcoin wieder über 70.000 USD mit einem charttechnischen Ausbruch aus einem symmetrischen Dreieck.

Konjunkturzahl der Woche

 

Inflation in der Eurozone beschleunigt sich leicht

 

Die Inflation in der Eurozone ist im Juli wieder gestiegen. Die Verbraucherpreise lagen laut Eurostat 2,9 % über dem Vorjahresniveau, nach 2,8 % im Juni. Gegenüber dem Vormonat erhöhte sich das Preisniveau um 0,2 %. Treiber waren vor allem die Energiepreise, deren Anstieg sich auf 10,3 % beschleunigte. Hintergrund sind höhere Öl- und Gaspreise infolge der erneuten Eskalation im Nahen Osten. Auch die Kerninflation, die Energie und Nahrungsmittel ausklammert, stieg leicht von 2,4 % auf 2,5 %. Die EZB strebt mittelfristig 2 % Inflation an. Nach der Erhöhung des Einlagezinssatzes um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 % im Juni beließ sie die Leitzinsen im Juli unverändert. In Deutschland stieg die Inflation auf 2,8 %, in Frankreich auf 2,4 % und in Spanien auf 3,9 %, während sie in Italien leicht auf 2,9 % sank.

Weitere Marktthemen im Fokus

 

USA-Iran-Konflikt spitzt sich nach Fristende zu

 

In den vergangenen Tagen hat sich der USA‑Iran‑Konflikt erneut zugespitzt. Am Montag, 17. August 2026, ist das 60‑tägige Rahmenabkommen ausgelaufen, das eigentlich eine Waffenruhe und eine gesicherte Öffnung der Straße von Hormus bringen sollte. US‑Präsident Donald Trump bestätigte, dass es keinerlei Gespräche oder Verhandlungen mit Teheran gibt – und auch keine geplant sind. Die Seeblockade im Persischen Golf solle in vollem Umfang bestehen bleiben. Zugleich erklärte Trump, die strategisch zentrale Meerenge sei „offen und in Betrieb“, was der Darstellung der iranischen Führung widerspricht.

Teheran wiederum hält die Straße von Hormus nach eigenen Angaben geschlossen, solange Washington die im Abkommen zugesagten Schritte – insbesondere die Aufhebung von Sanktionen und die Freigabe eingefrorener Vermögenswerte – nicht vollständig umgesetzt hat. Gleichzeitig drohen iranische Vertreter mit einer „offensiven“ Militärhaltung, sollte die Diplomatie scheitern.

Für zusätzliche Spannungen sorgte am Mittwoch ein Raketenangriff: Nach Angaben des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) wurden zwei aus dem Iran abgefeuerte ballistische Raketen abgefangen, die auf den Schiffsverkehr in Richtung Straße von Hormus gezielt haben sollen. Teheran dementiert einen Angriff. Als Reaktion auf den Beschuss setzten die VAE sämtliche Handels- und Finanzgeschäfte mit dem Iran bis auf Weiteres aus.

Die Sorgen vor einer weiteren Eskalation des Iran‑Kriegs treiben den Ölpreis deutlich über 90 Dollar je Barrel.  Damit wachsen weltweit die Inflationsrisiken, denn Märkte fürchten vor allem Lieferunterbrechungen, falls der Konflikt den Öl‑ und Gasstrom durch die Meerenge weiter einschränkt.

Wochenausblick

 

In der Woche vom 21. bis 27. August 2026 stehen diverse Konjunktur- und Stimmungsdaten sowie geldpolitische Events im Fokus der Investoren. Nach den heute veröffentlichten globalen Einkaufsmanagerindizes dürften sich die Blicke auf harte US-Daten reichten: Am Mittwoch werden die zweite BIP-Schätzung für Q2, der Inflationszahlen (PCE-Preisindex) sowie Einkommen- und Konsumdaten veröffentlicht. Überraschungen bei Wachstum oder Kerninflation könnten die Erwartung längerer, höherer US-Zinsen verstärken und damit Druck auf Bewertungsniveaus, Langfristzinsen und den Dollar ausüben.

In Europa liefern Ifo-Geschäftsklima in Deutschland (25.8.), Arbeitsmarktdaten und Stimmungsindikatoren der Eurozone (28.8.) Hinweise, ob sich die konjunkturelle Bodenbildung fortsetzt oder eine erneute Abschwächung droht. Einzelhandels- und Inflationszahlen aus Großbritannien und Frankreich ergänzen das Bild der Konsumdynamik und damit der Spielräume von EZB und BoE. 

Geldpolitisch bildet das ab Donnerstag stattfindende Jackson-Hole-Symposium den Höhepunkt. Dort könnten Fed-Vertreter Signale zum weiteren Kurs im Zinszyklus, zur Einschätzung der Inflationspersistenz und zu möglichen Anpassungen der Bilanzpolitik senden – mit potenziell globaler Wirkung auf Zinskurven und Risikoanlagen.

Politische Fixtermine von globaler Tragweite sind in dieser Woche begrenzt, doch der USA–Iran-Konflikt bleibt als geopolitischer Dauerstressfaktor präsent. Neue Sanktionen, Zwischenfälle im Persischen Golf oder Rückschläge bei Atomverhandlungen könnten Ölpreis und Risikoaversion erhöhen. Diplomatische Fortschritte würden umgekehrt die Risikobereitschaft stärken und Inflationssorgen dämpfen. Entsprechend ist mit erhöhter Sensitivität der Märkte gegenüber Nachrichten aus Washington und Teheran zu rechnen.

 

Es handelt sich um einen Auszug des Wochenkommentars. Der vollständige Marktupdate, mit weiteren Grafiken und Tabellen, steht den Kunden der Bethmann HAL wöchentlich zur Verfügung.