
Marktkommentar: US-Zwischenwahlen - Klarer Sieg der Demokraten verändert Washington stärker als die Wall Street
Die Demokratische Partei hat bei den US-Zwischenwahlen sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat die Mehrheit gewonnen. Das Ergebnis ist ein überzeugender Wahlerfolg mit deutlichen Zugewinnen in zahlreichen Bundesstaaten und Wahlbezirken. Die Demokraten werden mindestens 225 Sitze im Repräsentantenhaus und 54 Sitze im Senat halten. Damit kontrolliert die Partei den Kongress in den letzten beiden Jahren der zweiten Amtszeit von Präsident Donald Trump.
Die Demokraten profitierten dabei von Trumps niedrigen Zustimmungswerten. Zu den wichtigsten Kritikpunkten der Wähler zählten der Umgang der Regierung mit dem Iran-Krieg, die anhaltend hohe Inflation sowie die hohen Energiekosten. Das Ergebnis lässt sich deshalb einerseits als typischer Rückschlag für die Partei des amtierenden Präsidenten bei Zwischenwahlen interpretieren. Andererseits spiegelt es die Sorgen vieler Wähler über Lebenshaltungskosten, Außenpolitik und die weitere wirtschaftliche Entwicklung wider.
Die Finanzmärkte reagierten zunächst mit einem deutlichen Rückgang der Aktien-Futures, erholten sich jedoch rasch wieder. Der US-Dollar gab etwas nach, während die US-Zinsen weitgehend stabil blieben.
Auswirkungen für Anleger
Ein von den Demokraten kontrollierter Kongress wird es Trump deutlich erschweren, neue Gesetze durchzusetzen. Die Demokraten übernehmen die Kontrolle über die Ausschüsse des Kongresses und können Anhörungen einberufen, Vorladungen aussprechen, Untersuchungen gegen die Regierung einleiten und einzelne Branchen genauer unter die Lupe nehmen.
Mit der Kontrolle über den Senat können sie zudem Ernennungen des Präsidenten verzögern oder ablehnen, etwa von Richtern, Botschaftern und hochrangigen Regierungsbeamten.
Die unmittelbaren wirtschaftlichen Auswirkungen dürften allerdings begrenzt bleiben. Trump hat bereits einen wesentlichen Teil seiner politischen Agenda umgesetzt. Bereits verabschiedete Steuer- und Ausgabengesetze bleiben bestehen. Gleichzeitig verfügt der Präsident weiterhin über weitreichende Kompetenzen in der Handels- und Außenpolitik, bei der Einwanderung sowie innerhalb der Bundesverwaltung.
Im Vorfeld eines erwarteten Sieges der Demokraten hatte Trump bereits erklärt: „I guess I’ll become Mr. Veto.“ Damit signalisierte er, dass er künftig stärker von seinem Vetorecht Gebrauch machen würde, um Gesetzesvorhaben der Demokraten zu blockieren. Nach Bekanntwerden der Ergebnisse postete er in den sozialen Medien bereits schlicht: „VETO“.
Anleihen könnten leicht profitieren
Für die Anleihemärkte dürfte der Wahlausgang eher positiv zu interpretieren sein. Eine geteilte politische Macht zwischen Präsident und Kongress verringert die Wahrscheinlichkeit weiterer ungedeckter Steuersenkungen oder großer neuer Ausgabenprogramme.
Das dürfte den Aufwärtsdruck auf die Renditen von US-Staatsanleihen begrenzen, wenngleich nicht vollständig beseitigen. Das strukturell hohe Haushaltsdefizit und die gestiegenen Zinskosten bleiben wichtige Belastungsfaktoren. Auch Auseinandersetzungen über die Finanzierung der Bundesregierung und die Schuldenobergrenze könnten zeitweise für höhere Volatilität sorgen.
Bei Aktien könnte die politische Unsicherheit zunächst stärkere Kursschwankungen auslösen. Anleger müssen künftig mehr Untersuchungen, regulatorische Unsicherheit und politische Konfrontationen einpreisen. Finanzdienstleister, die Kryptobranche, Produzenten fossiler Energien und Teile des KI-Ökosystems könnten stärker unter Beobachtung geraten.
Umgekehrt könnten erneuerbare Energien, Infrastrukturunternehmen, Krankenhäuser sowie Unternehmen mit Bezug zu staatlichen Gesundheitsprogrammen von den veränderten politischen Prioritäten im Kongress profitieren.
Wichtig ist jedoch, die unmittelbare Bedeutung des Wahlergebnisses für die Kapitalmärkte nicht zu überschätzen. Historisch betrachtet waren die Jahre der Zwischenwahlen häufig die schwächste Phase innerhalb des vierjährigen US-Präsidentschaftszyklus. Das Jahr unmittelbar nach den Midterms war dagegen in der Vergangenheit im Durchschnitt besonders stark.
Die Erklärung dafür könnte weniger darin liegen, welche Partei gewinnt, sondern vielmehr darin, dass nach der Wahl ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor entfällt. Dieses historische Muster ist zwar ermutigend, stellt jedoch keine Prognose dar und beseitigt die üblichen Marktrisiken nicht.
Washington verändert sich, doch die Fundamentaldaten bleiben entscheidend
Der klare Wahlsieg der Demokraten verändert die politischen Kräfteverhältnisse in Washington erheblich. Die längerfristigen Auswirkungen auf die Finanzmärkte dürften jedoch begrenzt bleiben.
Trump behält seine Exekutivbefugnisse und sein Vetorecht. Gleichzeitig verfügen die Demokraten nicht über die notwendigen Zweidrittelmehrheiten, um ein Veto des Präsidenten zu überstimmen. Ihre Möglichkeiten, bestehende politische Entscheidungen grundlegend rückgängig zu machen, bleiben daher begrenzt. Wahrscheinlicher ist eine zunehmende politische Blockade als eine grundlegende Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik.
Historisch war die Zeit nach den Zwischenwahlen für die Aktienmärkte häufig positiv. In Verbindung mit anhaltendem Wirtschaftswachstum und hohen Investitionen in künstliche Intelligenz, Verteidigung und nachhaltige Energien stützt dies unseren langfristig positiven Ausblick für Aktien, auch wenn die politische Konfrontation zwischenzeitlich für erhöhte Schwankungen sorgen dürfte.