
Marktkommentar: Drei mögliche Entwicklungen im Iran-Konflikt
Am vergangenen Samstag haben die USA und Israel einen Krieg gegen den Iran begonnen. Sie griffen den Iran aus der Luft an, während Gegenangriffe aus dem Iran israelische, US-amerikanische und weitere Ziele in der Region trafen. Bislang bleibt im Ungewissen, welche Ziele die USA und Israel mit ihrer Militäraktion im Iran erreichen wollen. US-Präsident Trump sprach von einem Regimewechsel, doch wie dieser erreicht werden soll, ist unklar.
In diesem Marktkommentar diskutieren wir die erste Reaktion der Finanzmärkte auf den Ausbruch des Krieges. Auch skizzieren wir drei Szenarien, wie sich dieser Konflikt entwickeln könnte und welche Auswirkungen dies auf die Finanzmärkte haben könnte.
Erste Reaktion: Märkte im Risk-Off-Modus
Aufgrund der geopolitischen Turbulenzen zeigen sich die Finanzmärkte nervös. Infolgedessen beobachten wir eine typische Reduktion der Risikoneigung. Doch nicht alle Reaktionen am Markt stehen in Einklang mit klassischen Mustern.
Als Reaktion auf den Krieg haben die Energiepreise einen starken Anstieg verzeichnet, insbesondere jetzt, da der Transport von Öl und Flüssiggas durch die Straße von Hormus zum Erliegen gekommen ist. Gleichzeitig haben die Aktienmärkte Korrekturen verzeichnet. Die asiatischen und europäischen Märkte, die stärker von Energie aus dem Nahen Osten abhängig sind, gaben nach. US-Aktien verzeichneten jedoch weniger starke Verluste. Die Wertentwicklung von US-Aktien nach Kriegsbeginn unterstreicht die Einschätzung der Anleger, dass der US-Aktienmarkt in Zeiten der Unsicherheit einen defensiveren Charakter verzeichnet als andere Regionen. In ähnlicher Weise hat der US-Dollar aufgewertet und damit seine Rolle als sicherer Hafen bekräftigt. Das kann man vom Gold nicht behaupten. Kursverluste im Goldpreis waren wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Anleger Gewinne mitnahmen, um Verluste an anderer Stelle auszugleichen. Unterdessen ist Bitcoin nach großen Verlusten in den letzten Monaten wieder gestiegen.
Die vom Markt erwarteten Zinssenkungen der US-Notenbank (Fed) könnten weiter in die Zukunft verschoben werden, da anhaltend hohe Energiepreise zu einer höheren Inflation führen können. Infolge der erwarteten höheren Inflation sind die Anleiherenditen gestiegen. Dies wirkt sich negativ auf Staatsanleihen aus (Anleiherenditen und -kurse entwickeln sich gegenläufig), die in Zeiten der Unsicherheit in der Regel als sichere Anlage dienen. Auch die Risikoprämien (Länderaufschläge und Kreditrisikoaufschläge bei Unternehmensanleihen) verzeichnen in dieser Woche einen Anstieg. Schließlich sprang die Volatilität, gemessen am VIX-Index, seit Beginn dieser Woche an. Doch auch wenn dieser Index nun über dem Durchschnitt liegt, deutet der Anstieg noch nicht auf extreme Angst an den Märkten hin.
Drei verschiedene Szenarien
Für Anleger stellt sich vor allem die Frage, wie sich der Konflikt weiterentwickeln wird und welche Auswirkungen dies auf die Finanzmärkte haben könnte. Wir unterscheiden drei Szenarien, die hauptsächlich von der Dauer des Konflikts und der Höhe der Energiepreise bestimmt werden.
1) Unveränderte Lage für die kommenden Wochen, bei einem Ölpreis von 100 USD oder höher
2) Ein langwieriger Konflikt von über drei Monaten, bei einem Ölpreis von 130 USD oder mehr
3) Schnelle Verbesserung der Lage bei einem Ölpreis von 80 USD
Unveränderte Lage für einige Wochen
In diesem Szenario (Wahrscheinlichkeit 50%) dauern die Angriffe beider Seiten einige Wochen, jedoch kürzer als einen Monat. Die Straße von Hormus bleibt für die Schifffahrt gesperrt, und einige Öl- und Gasanlagen sind geschlossen. Obwohl es keine langfristigen Auswirkungen auf die Produktionsanlagen geben wird, wird die Öl- und Gasproduktion aufgrund der Schließung von Öl- und Gasraffinerien zurückgehen. Nach einigen Wochen wird es zu einer langsamen Verbesserung und Normalisierung der Energieproduktion und des Energietransports kommen. Das Szenario hat einen leichten Einfluss auf die Inflation, belastet hingegen kaum das globale Wirtschaftswachstum.
Ein langwieriger Konflikt
Das zweite Szenario ist das Worst-Case-Szenario mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 %. In diesem Szenario dauert der Konflikt drei Monate oder länger. Die Angriffe beider Seiten in der Region dauern an und verschärfen sich. Die Straße von Hormus ist für längere Zeit gesperrt, und Öl- und Gasanlagen werden beschädigt. Der Krieg verzeichnet Auswirkungen auf Pipelines, Produktionsanlagen und Häfen, deren Reparatur mehr Zeit in Anspruch nimmt. In den kommenden Monaten kommt es zu keiner Deeskalation des Konflikts, was zu einer höheren Inflationsentwicklung führt.
Die Lage verbessert sich schnell
Das dritte Szenario ist bei einer Wahrscheinlichkeit von 25 % das optimistischste. In diesem Szenario werden die Angriffe innerhalb der nächsten zwei Wochen aufgrund der verminderten Fähigkeiten des Iran oder dem erklärten Sieg der USA beendet. Die Straße von Hormus wird geöffnet und die Öl- und Gasförderung wieder aufgenommen, was schnell zu einer Normalisierung der Produktion und des Transports führt. Dieses Szenario verzeichnet nur vernachlässigbare Auswirkungen auf das globale Wirtschaftswachstum.
Welche Auswirkungen wird dies auf die Finanzmärkte haben?
Das wahrscheinlichste Szenario einer unveränderten Lage für wenige Wochen sieht Spielraum für weitere Kursverluste bei Aktien, wobei die US-Märkte, die Sektoren Energie, Grundstoffe und Gesundheitswesen hingegen eine positive Wertentwicklung erzielen dürften. Die Anleihekurse werden aufgrund von Inflationsängsten (höhere Renditen) fallen. Der Ölpreis könnte 100 USD erreichen und der VIX-Index könnte von aktuell 21 auf rund 35 Indexpunkte steigen. Sobald jedoch der Normalisierungsprozess einsetzt, erwarten wir auch eine schnelle Erholung der Märkte.
Im schlimmsten Fall – einem langwierigen Konflikt – ist mit einem stärkeren Rückgang der Aktienkurse zu rechnen. Erneut würden die US-Märkte, defensivere Sektoren wie Energie, nicht-zyklischem Konsum und das Gesundheitswesen eine relativ bessere Wertentwicklung zeigen. In diesem Szenario würden die Anleihekurse weiterhin fallen, da wir erwarten, dass die Inflationssorgen die Wachstumssorgen überwiegen würden. Der Ölpreis würde mindestens 130 USD erreichen und der VIX-Index könnte auf 40 Indexpunkte oder mehr steigen.
Im optimistischsten Szenario – einer schnellen Verbesserung der Lage – erholen sich die Aktienmärkte rasch. Die Schwellenländer und Europa werden eine bessere Wertentwicklung haben als der Gesamtmarkt, was eine Umkehr der Marktbewegungen zu Beginn dieser Woche bedeuten würde. Auf Sektorebene werden Finanzdienstleistungen und Industrieunternehmen besser abschneiden als andere Sektoren. Auch Anleihekurse werden steigen, da die Inflationssorgen verschwinden werden. Der Ölpreis erreicht 80 USD oder kann danach sogar auf 60 USD zurückfallen.
Fazit: Halten Sie an Ihrer Marktpositionierung fest
Obwohl alle Szenarien in der ersten Reaktion negative Auswirkungen auf die Anlageportfolios haben, treffen wir in den uns anvertrauten Kundenportfolien keine voreiligen Anlageentscheidungen. In diesem Zusammenhang möchten wir auch darauf hinweisen, dass wir unsere Wachstumsprognosen für die einzelnen Wirtschaftsräume vorerst nicht ändern. (Das Wirtschaftswachstum ist ein wichtiger Treiber für Unternehmensgewinne und damit auch für Aktienkurse.) Der Grund dafür ist, dass es schwierig ist, abzuschätzen, wie lange der Konflikt andauern wird. Derzeit vertreten wir die Meinung, dass sich die Auswirkungen hauptsächlich in einer höheren Inflation niederschlagen wird, was nicht unmittelbar zu einem niedrigeren Wirtschaftswachstum führt.
Wir sind uns bewusst, dass die Finanzmärkte nervös sind und die Lage unbeständig ist. Derzeit wissen wir nicht, wie sich der Konflikt genau entwickeln wird. Wenn sich die Lage jedoch verbessert, werden die Märkte schnell reagieren.
Wir möchten auch betonen, dass sich die Weltwirtschaft erholt. Auch wenn das Wachstum und die Unternehmensgewinne letztendlich durch die Auswirkungen des Krieges beeinträchtigt werden könnten, befinden wir uns derzeit in einer starken Position. Darüber hinaus sind die USA und Europa mit ihren fiskalischen Konjunkturmaßnahmen auf Kurs, und der Markt hofft, dass die Fed trotz des Krieges ihren Leitzins in Zukunft senken wird. Wir behalten daher unsere moderate Übergewichtung in Aktien und unsere neutrale Positionierung von Anleihen bei. Aus Risikosicht kann eine Beimischung von Edelmetallen sinnvoll sein.