
Ölmarkt im Umbruch: Engpass statt Überangebot
Noch zu Jahresbeginn galt ein Überangebot auf den internationalen Ölmärkten als wahrscheinlich, doch die Lage hat sich rasch gewandelt. Versorgungsengpässe im Nahen Osten haben das Angebot verknappt und die Preise in die Höhe getrieben.
Nadelöhr wird zum geopolitischen Spielball
Im Zentrum der Spannungen steht die Straße von Hormus, ein entscheidendes Nadelöhr für den globalen Ölhandel. Üblicherweise werden täglich rund 20 Millionen Barrel durch diese Meerenge transportiert. Der militärische Konflikt zwischen den USA/Israel und dem Iran beeinflusst die Lieferketten seit Anfang März. Selbst wenn die Schiffe umgeleitet und Notvorräte genutzt werden, fehlen dem Ölmarkt aktuell rund 11 Millionen Barrel pro Tag.
Die Auswirkungen sind erheblich. Rund 350 Öltanker sitzen in der Meerenge fest. Zugleich haben Angriffe auf Raffinerien und Infrastruktur am Golf die Produktion um rund 4 Millionen Barrel pro Tag reduziert. Besonders betroffen sind raffinierte Endprodukte wie Diesel und Kerosin.
Nachlassende Steuerungswirkung der OPEC
Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch die Entscheidung der Vereinigten Arabischen Emirate, aus der OPEC auszutreten. Als drittgrößter Produzent schwächen sie damit den Einfluss des Kartells auf den Ölmarkt und unterstreichen zugleich bestehende Spannungen mit Saudi-Arabien.
Kurzfristig sehen Marktteilnehmer in diesem Schritt keine Intensivierung des Preiskampfs am internationalen Ölmarkt, da das globale Angebot infolge des Iran-Konflikts geschwächt ist. Doch Mittel- bis langfristig eröffnet der Austritt den VAE zusätzliche Handlungsspielräume, ihre Produktionskapazitäten unabhängig von OPEC-Vorgaben vollständig auszuschöpfen und das Erdölangebot zu erhöhen.
“Zeit ist der entscheidende Faktor: Je länger die Störung anhält, desto nachhaltiger der Angebotsschock.”
Jan Wirken, Senior Analyst
Kerosinmangel belastet Europa
Die Auswirkungen der Blockade zeigen sich zunehmend auch in Europa. Kerosin ist derzeit knapp, da Produzenten aus dem Nahen Osten üblicherweise rund 40 Prozent der europäischen Importe decken. Aufgrund der unterbrochenen Lieferketten haben sich die Preise gegenüber dem Vorkriegsniveau mehr als verdoppelt.
Zwar ist die Versorgung nicht vollständig zusammengebrochen, doch muss Europa seine Handelsströme zu höheren Kosten neu organisieren. Ohne eine schnelle Lösung könnten die Folgen deutlicher zu spüren sein: Bereits jetzt streichen Fluggesellschaften Flüge wegen Treibstoffengpässen und höheren Kosten.
Insbesondere die Versorgung mit Düngemitteln ist stark vom Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus abhängig. Engpässe könnten hier zu steigenden Kosten für Betriebsmittel in der Landwirtschaft sowie zu einer geringeren Verfügbarkeit führen.
Zeit bleibt der entscheidende Faktor beim Ausblick
Mit zunehmender Dauer einer Beeinträchtigung der Straße von Hormus steigt das Risiko eines ausgeprägteren und nachhaltigeren Angebotsschocks.
Die zeitweise Aussetzung der US-Luftangriffe eröffnet Spielraum für Verhandlungen, deren Erfolg jedoch auch mittelfristig unsicher bleibt. Voraussetzung hierfür sind ein stabiler Waffenstillstand, verlässliche Sicherheitsmechanismen für die Schifffahrt – gegebenenfalls unter internationaler Aufsicht –, eine partielle Lockerung der Sanktionen gegen den Iran sowie möglichst geringe Einschränkungen für den Transit durch die Straße von Hormus.
Werden diese Voraussetzungen erfüllt, könnte sich das Angebot schrittweise erholen – zunächst um etwa 6 bis 8 Millionen Barrel täglich und in der zweiten Jahreshälfte möglicherweise wieder auf ein normales Niveau.
Erhöhtes Preisniveau dürfte anhalten
Aktuell erwarten wir für Brent-Öl im zweiten Quartal einen durchschnittlichen Preis von rund 100 USD je Barrel, mit einer schrittweisen Abschwächung auf etwa 80 USD bis zum Jahresende. Daraus ergibt sich ein Jahresdurchschnitt von rund 86 USD je Barrel.
Diese Prognose bleibt jedoch anfällig für die weitere Entwicklung des Konflikts. Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass sich die Energiepreise mittelfristig normalisieren, jedoch oberhalb des Vorkrisenniveaus verbleiben werden.
Ab 2027 dürfte sich die Lage weiter stabilisieren. Die gegenwärtige Krise ist primär logistischer Natur und weniger strukturell bedingt: Die Infrastruktur ist nur begrenzt beschädigt, und die Förderkapazitäten bleiben weitgehend intakt. Gleichzeitig dürfte das Nachfragewachstum infolge einer schwächeren Konjunktur und steigender Energieeffizienz an Dynamik verlieren, während das Angebot außerhalb der OPEC+ zunimmt. In der Summe sprechen diese Faktoren für eine mittelfristige Wiederherstellung des Marktgleichgewichts.
Jan Wirken, Senior Analyst

