
CIO Insights: 36 Grad und es wird noch heißer...
Kolumne von Johanna Handte, Chief Investment Officer Bethmann HAL
... so lautete in diesem Sommer der Lieblingssong meiner Kinder. Deutschland und andere europäische Länder erlebten erneut eine extreme Hitze; bis zum vergangenen Wochenende kletterten die Temperaturen vielerorts auf deutlich über 30 Grad, inzwischen ist es wieder etwas kühler. Und während wir uns über die aktuelle Abkühlung freuen, baut sich im Pazifik ein Wetterphänomen auf, das weit über die Region hinaus wirken und für Kapitalmärkte relevant werden kann: El Niño.
Ein Super El Niño kündigt sich an
El Niño entsteht, wenn sich die Meeresoberfläche im tropischen Pazifik ungewöhnlich stark erwärmt. Normalerweise treiben die Passatwinde warmes Wasser nach Westen in Richtung Asien. Bei El Niño schwächen sich diese Winde ab, warmes Wasser verlagert sich zurück in Richtung östlichen und zentralen Pazifik und verändert die atmosphärische Zirkulation. Die Folge: Niederschläge und Temperaturen verschieben sich rund um den Globus. Einige aktuelle Prognosen deuten darauf hin, dass die Abweichung der Meeresoberflächentemperatur vom langjährigen Mittel im El-Niño-Gebiet bis zum Peak im November rund 3,6 Grad erreichen könnte. Zum Vergleich: Ein moderater El Niño beginnt bereits bei einer Erwärmung von etwa 1 Grad zum langjährigen Mittel. Der bislang stärkste El Niño seit Beginn der modernen Aufzeichnungen (im Winter 2015/16) erreichte rund 2,75 Grad. Sollte die Meeresoberflächentemperatur tatsächlich um 3,6 Grad über das langjährige Mittel steigen, würde dies in der Tat eine außergewöhnlich starke Erwärmung bedeuten und für das Phänomen damit durchaus die Bezeichnung Super El Niño rechtfertigen. Während ein El Niño seinen Höhepunkt typischerweise gegen Ende eines Jahres erreicht, sollte die volle Wirkung auf das globale Temperaturgeschehen erst 2027 sichtbar werden. Daher halten einige Wissenschaftler es bereits für möglich, dass 2027 zu den heißesten Jahren seit Beginn der Messungen zählen könnte.
Auswirkungen des Wetters auf die Landwirtschaft: Reis, Palmöl und Kaffee
Für die Kapitalmärkte ist das relevant, weil Wetter nicht nur Temperaturen und Niederschlag beeinflusst – sondern Ernten.
Landwirtschaft ist besonders exponiert: Eine ausgefallene Ernte lässt sich nicht kurzfristig nachholen. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Lebensmitteln weitgehend bestehen. Treffen extreme Wetterbedingungen auf geografisch konzentrierte Produktion, kann aus einem Wetterereignis schnell ein Angebotsschock werden. Besonders betroffen sind hierbei Agrarrohstoffe wie Reis, Palmöl und Kaffee. Reis wird vor allem in Asien produziert und ist in vielen Anbauregionen stark von Niederschlag und Wasserverfügbarkeit abhängig. Auch Indien könnte durch einen schwächeren Monsun unter Druck geraten. Palmöl wiederum könnte einen besonders langen Nachlauf zeigen: Trockenheit und Hitze können die Erträge mit einer Verzögerung von 12 bis 16 Monaten beeinträchtigen. Beim Kaffee sind Temperatur und Niederschlag entscheidend für Blüte und Fruchtbildung – gleichzeitig konzentriert sich die Produktion auf wenige wichtige Anbauregionen.
Wie sensibel die Märkte reagieren können, zeigt ein Blick zurück: Während des El Niño 2023/24 stiegen die Kakaopreise zeitweise massiv, nachdem Hitze und Trockenheit die Ernten belasteten. Auch aktuell reagieren die Märkte bereits: Kaffee und Kakao haben in den vergangenen Wochen deutlich zugelegt, während Händler mögliche Ernteausfälle in wichtigen Produktionsregionen einpreisen.El Niño trifft auf eine bereits fragile Welt
Für sich genommen wäre ein außergewöhnlich starker El Niño bereits ein belastender Faktor – leider reiht sich dieser ein in eine Reihe von Angebotsschocks, die alle noch andauern. Der Russland-Ukraine-Krieg hat die Bedeutung weniger großer Produzenten für Getreide und Düngemittel offengelegt. Gleichzeitig haben geopolitische Spannungen im Nahen Osten die Energie- und Düngemittelmärkte unter Druck gesetzt. Düngemittel sind dabei ein entscheidender Teil der Gleichung. Stickstoffdünger wie Ammoniak und Harnstoff benötigen Erdgas als wichtigen Produktionsfaktor. Steigende Energiepreise oder Störungen bei Produktion und Transport erhöhen deshalb die landwirtschaftlichen Produktionskosten – und können sich mit Verzögerung auf die Ernten auswirken.
Damit können mehrere Schocks gleichzeitig auf die Angebotsseite treffen:
Geopolitik → Energie → Düngemittel → Erträge → Agrarrohstoffe → Lebensmittelpreise.
Kommt dazu ein starker El Niño, wird aus einzelnen Risiken eine potenziell gefährliche Kombination.Der nächste Inflationsimpuls?
Eine globale Lebensmittelkrise ist deshalb keineswegs zwangsläufig. Historisch ist der Zusammenhang zwischen El Niño und der globalen Lebensmittelpreisinflation nicht eindeutig. Auch Aktienmärkte reagieren nicht automatisch negativ auf jedes El-Niño-Ereignis.
Regional und bei einzelnen Rohstoffen sieht das Bild jedoch anders aus. Gerade einkommensschwächere Länder sind besonders verwundbar, weil Lebensmittel einen deutlich größeren Anteil der Haushaltsausgaben ausmachen. Schon relativ kleine Angebotsdefizite können dort erhebliche Preisbewegungen auslösen.
Und für Anleger liegt genau darin die entscheidende Frage: Wie stark reagiert der Preis, wenn gleichzeitig mehrere Angebotspuffer schrumpfen?
Die zeitliche Verzögerung erschwert die Prognose der Entwicklung zusätzlich. Was Ende 2026 mit Wetterextremen beginnt, könnte sich bei bestimmten Rohstoffen erst 2027 oder 2028 vollständig in den Produktionszahlen zeigen.Inflation ist zurück
Nun fragen Sie sich sicherlich, weshalb wir uns so stark in einer Kapitalmarktveröffentlichung mit einem Wetterphänomen beschäftigen. Die Antwort darauf lautet: Weil Inflation immer Teil des Koordinatensystems ist, in dem Zentralbanken und Kapitalmärkte navigieren. Bis zum Jahr 2020 bewegten wir uns über viele Jahre in einem Umfeld, das von strukturell niedriger bzw. fallender Inflation geprägt war. Die Coronakrise markierte dann einen deutlichen Regimewechsel. Seitdem ist Inflation wieder ein fester Bestandteil der volkswirtschaftlichen Gleichung – und sie dürfte es bleiben. Dabei sind es längst nicht mehr nur klassische Faktoren wie Konjunktur und Geldpolitik, die den Inflationsausblick bestimmen. 2025 waren es unter anderem Zölle, 2026 geopolitische Konflikte und Energiepreise. Und 2027 könnte ein anderer Faktor stärker in den Vordergrund rücken: das Klima.
Ein starker El Niño wäre dabei kein eigenständiger Inflationsautomat. Aber er könnte bestehende Angebotsrisiken verstärken – bei Agrarrohstoffen, Lebensmitteln, Energie und letztlich auch bei den Inflationserwartungen.
Für Anleger bedeutet das: Inflation ist zurück als struktureller Faktor. Und sie ist gekommen, um zu bleiben.